Zehn Jahre "Märzmusik" : "Wir müssen unsere Sinne schärfen"

Festivalleiter Matthias Osterwold erzählt über die Vergangenheit und die Zukunft der "Märzmusik", warum Komponisten nicht zu ihrem Glück gezwungen werden sollten und wie ein Gänsehauterlebnis 2009 sein Leben verändert hat.

Lemke Matwey

Herr Osterwold, zehn Jahre „MaerzMusik“ – und das Festspielhaus in der Schaperstraße bleibt wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Schlimm?

Das Nomadendasein hat auch Vorteile. Aber es war nicht leicht, für alle Veranstaltungen einen geeigneten Ersatz zu finden. Ein großes Musiktheaterprojekt etwa konnten wir nicht realisieren. Andererseits sind wir froh, dass unser Haus mit Bundesmitteln nun technisch auf den neuesten Stand gebracht wird. Hier ist ja über 40 Jahre lang nichts passiert.

Zehn Jahre Berlins „Festival für aktuelle Musik“. Eine lange oder eine kurze Zeit?

Kurz! Vorbeigezischt! Wir haben ja nie aus dem Katalog gekauft, nichts Fertiges, das ist unser Credo. Das heißt aber, dass ich Künstler zusammenbringen und auch betreuen muss. Dass ich Kompositionsaufträge, die ich vergebe, begleite. Diese wunderbaren Prozesse verdichten die eigene Lebenszeit ungemein.

Wie hat sich der Begriff der Aktualität gewandelt?

Von dem ideologisch-historischen Ballast der „Neuen“ Musik wollten wir uns möglichst freihalten, wir wollten uns immer der bunten Unübersichtlichkeit der aktuellen Musikproduktion stellen. Und zwar ohne hierarchisches Denken. Uns geht es um die Schnittmengen zwischen den Musikszenen, aber auch zwischen Musik und Bildender Kunst, Tanz, Film, Performance. Und nicht zuletzt meint Aktualität, dass wir von unserer euro-transatlantischen Perspektive abrücken hin zu einem Blick auf die ganze Welt.

Das klingt kompakt.

Wir haben gelernt, uns thematisch stärker zu konzentrieren. Wir stellen Fragen, quer durch alle Ästhetiken. Letztes Jahr zum Beispiel mit „Utopie – verlorene Utopie“: Im Resultat haben die Künstler mehr den Utopieverlust betont. Ein solches Thema scheint als kritische Sonde bestens zu funktionieren. Und das gilt auch für 2011. „Klang, Bild, Bewegung“, das Verhältnis von Musik zu bewegten Bildern, ich verstehe ein solches Motto als Dach über vielen verschiedenen Zimmern, die ganz unterschiedlich tapeziert sein können.

Ist mit absoluter Musik allein heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen?

Ich würde das Intermediale nie gegen das Autonome ausspielen. Bei der „MaerzMusik“ hat es immer beides gegeben. Das wachsende Interesse der Künstler an Überschreitungen aber ist nicht zu leugnen. Als Festivalmacher stelle ich keine Rezepte aus, sondern versuche herauszufinden, wo die Kunst steht, was ihr Gegenwartsgehalt ist. Komponisten wie Olga Neuwirth oder Enno Poppe suchen diese Reibung ganz von selbst, da genügt ein Streichquartett.

Wie schwer ist es im digitalen Zeitalter, das Gesamtkunstwerk von Kunsthandwerk oder Design zu unterscheiden?

Das ist genau die Kontroverse, die ich entfachen will. Wir müssen, gesellschaftlich gesprochen, unsere Sinne schärfen, wir alle. Für ein tragfähiges künstlerisches Urteil braucht man Erfahrung, eine Nase, den Rat guter Freunde und Mut. Ken Ueno etwa, ein Kalifornier mit japanischem Hintergrund, war eine Empfehlung von Pamela Rosenberg und der American Academy, und was mich interessiert hat, war die Tatsache, dass Ueno in seinem hybriden Schaffen so gar nicht dem Bild des Universitätskomponisten entspricht, das die Academy sonst gerne pflegt.

Werden Komponisten manchmal auch zu ihrem Glück gezwungen?

Selten. Was nicht in den Köpfen und Herzen angelegt ist, kann ich nicht wecken. Mein Paradebeispiel dafür ist das Liebeslieder-Projekt des Ensembles Recherche, bei dem herauskam, wie wenig neue Musik mit Liebe anfangen kann.

Schade!

Ja, aber auch absehbar. Ich möchte lieber den Gegenbeweis antreten. Es gibt es immer wieder Dinge, die liegen in der Luft. Unser diesjähriges Motto zum Beispiel findet sich auch beim Club Transmediale, im Musik-Film-Marathon und anderswo. Da muss man sich abzustimmen, und unsere breite Vernetzung in der Stadt ist sicher nützlich.

Ihr schönstes Gänsehauterlebnis?

Dass es uns 2009 gelungen ist, die Orchestertrilogie „… auf …“ von Mark Andre in der Philharmonie zu einem großen Erfolg zu führen! Andre ist ein Reduktionist und arbeitet mit kleinsten Geräuschpartikeln. Und dann sitzen da 1300 Leute, und es herrscht eine Spannung im Saal wie bei einem Sinfoniekonzert. Das hat mich beglückt. Demgegenüber steht so etwas wie Benedict Masons „felt, ebb, thus …“. Wir wollten 2005 mit dem Schiff zum Kabelwerk Oberspree fahren, wo das Konzert mit dem Ensemble Modern stattfand, und als wir ankommen, hat die Reederei die Landungsbrücke vergessen. Das hieß, wir mussten jeden einzeln an Land hieven … Eine Grenzerfahrung, die mein Leben sicher verkürzt hat.

Thomas Oberender, der Nachfolger von Festspiele-Intendant Joachim Sartorius, wurde sehr kurzfristig bestellt. Wie blickt die „MaerzMusik“ in die Zukunft?

Neugierig und gelassen. Dass der Standort der Musik innerhalb der Berliner Festspiele stark bleiben muss, daran gibt es keinen Zweifel. Wie das Ganze eingebettet sein wird, ist im Moment noch offen.

„Märzmusik“, 18. bis 27. März. Infos unter: www.berlinerfestspiele.de. Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

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