Kultur : Zehn Minuten mit ... Effi Briest

Harald Martenstein sieht mit Schrecken, wie ein Klassiker zum seichten Fernsehspiel mutiert.

Harald Martenstein

Ist es zulässig, einen Film leidenschaftlich abzulehnen, den man nur aus Ausschnitten und einem halben Dutzend Kritiken kennt? In diesem Fall schon.

Wenn, nur mal angenommen, „Romeo und Julia“ nicht tragisch endet – das ist viel zeitgemäßer, oder? Liebeskummer, mein Gott, wer nimmt das heute noch so schwer. Julia schickt Romeo einfach eine E-Mail – du, Romeo, es war eine schöne Zeit. Sie trennen sich und fangen jeweils neue Beziehungen an. Wie wäre das? Es wäre genauso wie das, was Hermine Huntgeburth mit „Effi Briest“ angestellt hat. In „Effi Briest“ geht es um eine Frau, die in einer frauenfeindlichen Gesellschaft tragisch scheitert, sie stirbt an dem Versuch, ihr eigenes Leben zu leben. In der Verfilmung kriegt das nun ein optimistisches Ende. Effi fängt als Großstadtsingle ein neues Leben an. Die Filmemacher sagen, dies sei zeitgemäßer. In Wirklichkeit wird so aus einem gesellschaftskritischen Drama eine läppische Selbstverwirklichungsgeschichte.

Ich dachte, mich haut nichts mehr um. Aber darüber, „Effi Briest“ in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu verwandeln, kann ich mich wirklich aufregen. Wenn Frau Huntgeburth der, selbstverständlich legitimen, Ansicht ist, dass „Effi Briest“ keine zeitgemäße Geschichte mehr sei, weil moderne Frauen andere Probleme haben, dann soll sie ein anderes Buch verfilmen. Als Nächstes nimmt sie sich womöglich Kafkas „Prozess“ vor und lässt Josef K. den Prozess in der zweiten Instanz gewinnen. Wir leben doch heute in einem modernen Rechtsstaat, da ist der „Prozess“ kein zeitgemäßes Buch mehr. Oder wie wäre es, wenn Faust am Ende das Gretchen kriegt, sie heiraten am Wörthersee, Mephisto geht geläutert ins Kloster, und Gretchen, eine starke, moderne Frau, wird Tierärztin in Südafrika?

Manche Leute haben, statt Hirn, Seife im Kopf. Klassiker werden Klassiker, wie etwa „Effi Briest“ oder „Der Prozess“, weil ihre Geschichte auch etwas Zeitloses hat, eine Kraft, wie sie kein einziges dämliches Fernsehspiel besitzt. Ist das so schwer zu kapieren? Offenbar ja.

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