Kultur : Zehn Tage im Mai

Auf Wiederhören, Traveling Wilburys

Rüdiger Schaper

Es spricht manches dafür, dass es diese Band, diese Super-Group, diese fünf Brüder mit den comic-verdächtigen Namen Nelson, Otis, Lucky, Charlie T. Junior und Lefty Wilbury nie gegeben hat. Keine Tourneen, nur ein paar Videos, auf denen nicht alle Musiker zu sehen – und zwei Alben, die Vol. 1 und Vol. 3 betitelt sind. Dazwischen ist Raum für Legenden.

In Santa Monica, im Mai 1988, trafen sich George Harrison und Jeff Lynne (einst Kopf des Electric Light Orchestra), sie arbeiteten an Harrisons Album „Cloud Nine“ und holten Roy Orbison dazu, dessen Comeback Lynne produziert hatte, und weil das Gipfeltreffen, das keines werden sollte, im Haus von Bob Dylan stattfand (es kursieren auch andere Ortsangaben), rief der Tom Petty an, mit dessen Heartbreakers Dylan damals tourte.

Glaubt man der DVD-Dokumentation, die jetzt mit den beiden sagenhaften Wilburys-Alben in einer Luxusedition veröffentlicht worden ist (Rhino/Warner) – in England ging es gleich auf Platz 1, schöne Sommermusik! –, hört man also die unwahrscheinlich entspannten Helden heute so daherreden, dann war „Magie“ im Spiel, Freundschaft, ein paar Bier, ein paar freie Tage und über allem das Genie des Zufalls. Ganz zufällig waren auch Kameras dabei, im Studio, auf der Veranda ...

Bob Dylan, erzählt der 2001 verstorbene George Harrison auf der DVD, ging manchmal jahrelang nicht ans Telefon. Diesmal aber hob er gleich ab, und zehn Tage später waren die zehn Songs des ersten Albums eingespielt. Ende ’88 starb Roy Orbison, und als zwei Jahre später Vol. 3 der Wilburys erschien, da klangen die zehn neuen Songs wie Outtakes des ersten Albums. Auf Vol 2. sollen die vier hinterbliebenen Wilburys – auch die Herkunft des Namens wurde nie verraten – aus Pietät verzichtet haben. Vielleicht war es auch nur ein Scherz.

Das könnte man von dem Projekt überhaupt sagen: ein grandioser Joke, eine Entspannungsübung, ein legerer Trab durch die Harmonien des Pop und Rock. Nichts zu spüren von Dylans Krise, die ihn die gesamten achtziger Jahre quälte; sein Organ schneidet in die Wilbury-Melodramen wie ein Messer in eine reife Melone („Congratulations“). Herzzerreißende Falsett-Gesänge von Roy Orbison, der die hellste, klarste Stimme der Popmusik besaß. Sein „Not Alone Anymore“ gehört zu den schönsten Liebesarien, seitdem keine mitsingbaren Opern mehr geschrieben werden. Ein leicht melancholischer, aber heiter gestimmter Ex-Beatle, der darüber singt, wie es nach dem Ruhm doch weitergeht („Handle with Care“ „End of the Line“). Ein Tom Petty, der sich über seine eigene Coolness amüsiert („Last Night“). Und ein Jeff Lynne, der etwas Zuckerguss auskippt über diesen raren country pie.

Jahre-, jahrzehntelang waren die beiden Alben vergriffen, die Raubpressungen schwer zu bekommen und teuer. Mit der Wiederveröffentlichung geht aber auch ein wenig der Spaß verloren, nun sind die Traveling Wilburys endgültig offizieller Teil der Rock-Historie. Die gesamte Branche befindet sich in einem Katalogisierungsrausch, kritische Werkausgaben allüberall. Die vier Bonus-Tracks auf der Neuedition: nun ja.

Es spricht letztlich viel dafür, dass die Traveling Wilburys Eintagsfliegen waren, sie wollten und konnten auch nichts anderes sein. Songtexte wurden aus Zeitschriften und Katalogen genommen, der Titel „Handle with Care“ soll von einer Kiste aus Dylans Garage stammen, man glaubt es gern. (Bob fährt einen SUV.)

Roy Orbison starb mit 52 an Herzversagen, da lag seine große Zeit mit „Pretty Woman“ und „Only the Lonely“ lange zurück. Die anderen vier Wilburys waren damals etwas jünger, in einem Alter, das man mit beginnenden Midlife-Leiden verbindet. Das klingt durch: eine Skepsis, die man gemeinsam meistert, eine Saturiertheit, die einem nicht ganz geheuer ist, eine Lust, innezuhalten und zu genießen. Weil „the End of the Line“ auch schon sichtbar ist, am Horizont.

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