Kultur : Zehnmal mehr als Schindler Gabriele Anderl über

den Judenretter Storfer.

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Berthold Storfer, geboren 1880 im damals österreichischen Czernowitz und katholisch getauft, hatte im Ersten Weltkrieg als Major der Kavallerie gedient, war Kommerzialrat und ein erfolgreicher Wiener Geschäftsmann. Es war ihm nicht an der Wiege gesungen, dass er einst zum Judenretter werden würde. Es ist eine Geschichte, von der man bis vor kurzem kaum etwas wusste.

Am 12. März 1938 überschritten deutsche Truppen die Grenze zu Österreich und drei Tage später verkündete Adolf Hitler auf dem rettungslos überfüllten Heldenplatz in Wien unter frenetischem Jubel den „Anschluss“ seiner Heimat an das Deutsche Reich. Während Österreich bis dahin für manchen deutschen Emigranten die Rettung war, waren nun die 185 000 österreichischen Juden selbst zu Verfolgten geworden, was das Problem der jüdischen Flüchtlinge erheblich verschärfte. Im Juli 1938 fand auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt eine internationale Konferenz in Evian statt, die nach Lösungen für das Flüchtlingsproblem suchte, aber am Egoismus der teilnehmenden Staaten scheiterte. Berthold Storfer nahm als einer der Vertreter der jüdischen Gemeinde Wiens an der Konferenz teil.

Wenige Wochen später wurde in Wien von der SS die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ unter Leitung von Adolf Eichmann gegründet. Ähnlich wie im Deutschen Reich, wo das Haavara-Abkommen seit 1933 die Basis dafür bot, sollten nun auch in Wien nationalsozialistische und jüdische Institutionen in Fragen der Auswanderung zusammenarbeiten. Die jüdische Gemeinde schuf eine Auswanderungsabteilung unter Leitung von Benjamin Murmelstein, eine wichtige Rolle spielte dort auch Storfer. Die Menschen, die in den jüdischen Institutionen Dienst taten, waren dabei immer im Zwiespalt. Einerseits mussten sie mit den nationalsozialistischen Behörden zusammenarbeiten, was sie in die Gefahr der Kollaboration bringen konnte, andererseits konnten sie durch ihre Tätigkeit vielen Menschen helfen. Die Autorin Gabriele Anderl kommt im Fall Murmelstein zu einem dezidiert negativen Urteil, bei Storfer zu einem ebenso deutlich positiven, ohne dass vor allem Ersteres wirklich überzeugend begründet wird.

Berthold Storfer stand bei vielen Zionisten in der Kritik, weil er versuchte, einfach so viele Menschen wie möglich zu retten, junge und alte, starke und schwache wie zum Beispiel freigekaufte KZ- Häftlinge. Die zionistischen Organisationen waren dagegen in allererster Linie an trainierten und einsatzbereiten Pionieren interessiert, um jüdische Siedlungen in Palästina errichten zu können. Tatsächlich verweigerte die Gedenkstätte Yad Vashem Storfer die Anerkennung als Gerechter unter den Völkern und schwieg Storfers Rettungsaktionen tot, wie der jüngst verstorbene Arno Lustiger in seinem Vorwort zu diesem Buch beklagt. Ähnliches gilt für Nathan Schwalb, der fast im Alleingang etwa 200 000 Juden gerettet hat und damit der bei Weitem größte Judenretter überhaupt war.

Berthold Storfer hat bis zum Verbot der Auswanderung im Herbst 1941 vier große Schiffstransporte nach Palästina organisiert und dabei, folgt man seinen akribischen Aufzeichnungen, 9096 deutschen und österreichischen Juden das Leben gerettet. Tatsächlich waren es wohl sogar noch mehr. Damit steht er in einer Reihe mit Raoul Wallenberg, Chiune Sugihara und Giorgio Perlasca und übertrifft die Zahl der von dem heute weithin bekannten Oskar Schindler Geretteten um fast das Zehnfache.

Es ist das Verdienst der österreichischen Publizistin Gabriele Anderl, dass sie das Leben und Wirken Storfers, der schließlich deportiert wurde und im November 1944 in Auschwitz umkam, rekonstruiert hat. Sie hat die Quellen gründlich ausgewertet, denen sie allerdings sehr eng verbunden bleibt. Ihre Darstellung ist leider in vielem eine detailverliebte Nacherzählung. Besonders die vielen seitenlangen Quellenzitate wirken dabei auf den Leser ermüdend. Gleichwohl sind der Geschichte dieses so verdienstvollen Mannes, die hier erstmals dargestellt wird, viele Leser zu wünschen.







– Gabriele Anderl:
„9096 Leben“ Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer. Rotbuch Verlag, Berlin 2012. 400 Seiten, 19,95 Euro.

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