Kultur : Zeichen der Zeit

PETER HERBSTREUTH

Wilhelm Busch glaubte, Kunst, Publikum und Markt gut genug zu kennen, um diesem komplizierten Komplex einen Zweizeiler zu widmen."Es steigt, bei näherer Betrachtung, / mit dem Preise auch die Achtung." Das bestreiten zwar Händler und Künstler nicht.Dennoch irrte er hier."Wende Ô80" von Hanne Darboven aus dem Jahre 1980/81 besteht aus 416 Blättern und elf Langspielplatten und kostet nur 4000 Mark.Der Preis ist gleichzeitig das Eintritt-Billet in den Club der 250, die das gleiche Werk besitzen.

Dieser kommunikativ-gesellschaftliche Aspekt gehört zum Konzept.Denn das Werk kann als Manifest der Künstlerin gelesen werden, die eigene Arbeit ins Verhältnis zur Politik, Gesellschaft und Kultur zu setzen.1980 wollte Bayerns Ministerpräsident Franz Joseph Strauß gegen Helmut Schmidt Kanzler werden.Der politische Umgang gewann an Grobheiten und schrillen Tönen, die die polemischen Ausfälle von heute als Blockflötenspiele erscheinen lassen.Schmidt gab sich als Realpolitiker und leitete die Bundesrepublik wie ein auf Effizienz getrimmtes Unternehmen.Strauß forderte die "geistig-moralische Wende" und trat für ethische Leit- und Kontrollfunktionen ein.

Davon bleiben Fakten.Das Klima verwischt.Und beides zu reproduzieren, wie es Filme und Romane können, ist der bildenden Kunst nur in Glücksfällen und als Geschenk der Geschichte gegeben.Was macht Darboven? Sie montiert Zitate und läßt die gezählte Zeit als Musik dazu spielen.Spiegel-Interview und -Essay, Partituren, Fotos von Darbovens Stadtbezirk, Zeichnungen von Bäumen aus ihrer Jugendzeit, Passagen von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", "Stille Nacht, heilige Nacht" und "Give peace a chance" fügen sich zum Versuch, der Hilflosigkeit zu entkommen und einen Standpunkt in der Zeit zu finden.

Busche hat das Werk wie ein Regisseur inszeniert.Er zeigt an den Wänden eine Auswahl signifikanter Teile und stellt Tisch und Stuhl dazu.Man kann sich setzen und lesen.Der Ausstellungsraum ist ein musikerfülltes Studierzimmer.

Hanne Darboven hat das Faßbinder-Prinzip angewandt.Die Arbeit mußte getan und zügig auf dem Markt verfügbar sein.Sie sollte wirken.Deshalb ließ sie "Wende 80" im Eigen-Verlag erscheinen.Sie wollte keine Zeit verlieren.Die Rahmen der Blätter sind deshalb nicht rot, wie sonst, sondern schwarz.Das senkte die Produktionskosten.Schwarz zeugt hier vom Dringlichen des Engagements.Wichtig war die Existenz des Werks und daß, wer wollte, sich darauf beziehen konnte.Daher hat "Wende 80" die Funktion eines Salons, in dem sich Öffentliches und Persönliches mischen.

Was läßt sich damit anfangen? Man kann die Blätter wie Busche präzise gereiht an die Wand pinnen oder in schlichte Holzrahmen fassen oder im Schuber lassen, hin und wieder anschauen, lesen, nachdenken über die Momentaufnahme, als ein umstrittener Machtpolitiker Kanzler werden wollte und John Lennon "Give peace a chance" sang.Wahrscheinlich aber ist, daß man die Schuber wie jene wertvollen Bücher behandelt, die selten gelesen werden, aber einen prominenten Platz im Regal einnehmen: als Zeichen der Zeit für immer.

Busche Galerie, Bundesallee 32, bis 19.September (3.8.-25.8 geschlossen); Dienstag bis Freitag 15-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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