Kultur : Zeichen des Bösen

Zum 62. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Wie lange sind die Namen, Symbole und Begriffe der Nazis noch tabu?

Thomas Lackmann

Sag mir, wo die Wölfe sind. Trotz seiner schönen Bedeutung ist der Name Adolf (edler Wolf) fast ausgestorben. „Wolf“ war Hitlers Kosename. In Österreich wurden von 1984 bis 2003 nur noch 76 Adolfs getauft, das ist jämmerlich, gemessen an 20000 Alexanders. In Deutschland fehlt eine zentrale Statistik, aber der Privatforscher Knud Bielefeld fand heraus, dass Adolf 1893 in Norddeutschland auf Platz 11 stand und dann stetig an Beliebtheit verloren hat. Von 1930 (Platz 54) bis 1940 (Platz 41) holte er auf, erfreute sich 1948 noch eines überraschenden Auftriebs; geschädigte Namensvettern läuterten sich zum unverfänglichen Dolf. Heute ist Adolf „stigmatisiert und politisch diskriminiert“, sagt Gerhard Müller von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache. Unter 10 000 höchstens mal einer als Zweitname. „Selbst Neonazis nennen ihre Kinder eher Leon oder Justine.“

Einerseits hält die Scheu an. Andererseits gehört der Nazi-Fundus zur Popkultur, Hitler avancierte als Cartoon-Adi (Walter Moers), Tragöde (Bruno Ganz) oder Trash-Würstchen (Helge Schneider) zum Entertainer. Offenbar unterscheidet das Volksempfinden zwischen der medialen Kunstfigur und Hitler als familiärem Namenspatron. Wo es an die eigene Haut geht, greift der Tabu-Instinkt.

Nicht die Pseudofrage, ob man über ihn lachen darf, trifft den wunden Punkt der Gedenknation, sondern die Wie-langenoch-Frage nach der Haltbarkeit des Tabus. Wo der Wissensstand um historische Kontexte sinkt, reicht die Scheu vor einem Monster mit vergiftetem Vornamen nicht aus, um auf Dauer Rituale der Pietät zu vermitteln. Wie lange wird der heutige Tag der Befreiung von Auschwitz noch als Gedenktag akzeptiert? Wie lange fördert der Staat noch jüdische Gemeinschaften? Wie lange noch darf Israel auf einen Solidaritätsbonus hoffen? Auf dies Wie-lange-Noch spekuliert der iranische Präsident bei seinen Anbiederungen an die Bundeskanzlerin ebenso wie manches Stammtisch-Argument in der neuen Restitutionsdebatte. Dass Optimisten das antinazistische Bauchgefühl zum demokratischen Grundkonsens überhöhen, reicht kaum für eine beruhigende Antwort.

Mit dem Abstand zu historischen Ereignissen nimmt der Mythisierungsreflex zu. Als Mitte der neunziger Jahre eine Münchner Ausstellung über Hitlers Hoffotografen in Berlin mit einer Fotografie des Führers beworben werden sollte, wurde die Plakatierung samt der Präsentation abgeblasen, aus Rücksicht auf Überlebende. Das Pietätsargument verblasst mit dem Abtreten der Opfergeneration; stattdessen verbinden sich Marketing und political correctness zur pseudopolitischen Panik. Klaus Staecks Poster für Rolf Hochhuths Tragikomödie „Heil Hitler“ wären Anfang Januar beinahe nicht auf Berliner U-Bahnhöfen ausgehängt worden – wegen der Dominanz des Stücktitels und eines Hakenkreuzes.

Es scheint, als würden dem verbotenen verfassungswidrigen Kennzeichen zunehmend magische Kräfte zugeschrieben. So kam es 2006 vor dem Landgericht Stuttgart zur Verurteilung des Punk-Versandhauses „Nix Gut“, das durchgestrichene oder zerbrochne Hakenkreuze auf TShirts und Stickern vertreibt. Die Firma Esprit stampfte im Oktober 200 000 Kataloge ein, die seit Jahrzehnten verbreitete Lederknöpfe von Strickjacken zeigten, leider so unvorteilhaft abgelichtet, dass eine Hakenkreuz-Anmutung entstand. Eine säkulare Gesellschaft, der liturgische Ehrfurcht vor wirkmächtigen Zeichen fremd ist, verbannt Symbole des Bösen aus der Öffentlichkeit.

Dennoch meint die Bochumer Jura-Professorin Tatjana Hörnle, dass die „instrumentelle Bedeutung von Hakenkreuzen“ für den Rechtsextremismus überschätzt wird. Eigentlich gehe es beim Paragrafen 86a des Strafgesetzbuches weniger um aktuelle Prophylaxe als um die Abwehr von Symbolen der Vergangenheit, schrieb sie in der „FAZ“. Man wolle dieses Zeichen nicht mehr sehen. Tabuschutz zur Verhinderung von Abscheu und Ärger sei für eine Strafnorm freilich keine „überzeugende Rechtfertigung“. Deshalb konstruiere man gern rationale Begründungen wie die Wahrung des öffentlichen oder des politischen Friedens.

Wie lange hält so ein Tabu? Wie lange wirkt totalitäre Manipulation? Als Victor Klemperer vor 60 Jahren seine Notizen zur Sprache des „Dritten Reiches“ – „LTI“ (= Lingua Tertii Imperii) – veröffentlichte, machte der Philologe sich keine Illusionen über manche Begriffe, die „ein dauernder Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen“. Am Ende des Buches beschrieb er ein viel sagendes Szenario. Das Ehepaar Klemperer hatte sich im April ’45 im bayerischen Unterbernbach versteckt. Man bezog Räume im Amtshaus des geflohenen Bürgermeisters – und freute sich über unerwartetes Heizmaterial. Hier „hatte in besseren Nazizeiten HJ und mancherlei ähnliches Volk gewohnt, und alle Räume waren gestopft voll von schön gerahmten Hitlerbildern, von Wandsprüchen der Bewegung, von Fahnen, von hölzernen Hakenkreuzen.“

Eine Woche lang werden die Relikte verfeuert, „es war mir immer wieder eine Seligkeit“, schreibt Klemperer. Doch der Schaukasten, in dem der „Stürmer“ ausgehängt worden war, leistete Widerstand, gegen Fußtritte, Säge, Beil. „Der ,Stürmer‘-Kasten blieb unversehrt. Manchmal, wenn ich heute Briefe aus Bayern erhalte, muß ich daran zurückdenken.“

Einige Begriffe aus dem Vokabular des „Dritten Reichs“ stehen hierzulande auf dem Index und werden mit Anführungszeichen markiert. Dazu gehören berüchtigte Vokabeln wie „Kristallnacht“ und „Endlösung“ aber auch weniger eindeutige Termini. Empfindliche Zeitgenossen schrecken davor zurück, den rassistisch instrumentalisierten Begriff der Sippe zu verwenden, oder gar die Worte Selektion und Sonderbehandlung. Wenige werden grundsätzlich auf die Vokabel Rampe verzichten wollen. Dennoch hat sich die Ankunftsrampe des Vernichtungslagers Auschwitz als schwarze Ikone dem kollektiven Bewusstsein eingeprägt. Ein fast neutraler Begriff, der unrettbar kontaminiert scheint. Und der doch, als terminus technicus eines industriellen Mordprogramms, nichts von der Wirklichkeit nackter, zusammengepferchter Menschen erzählt, die – vor Todesangst schreiend, schwitzend, urinierend – wie Ungeziefer vergiftet werden.

Der Nationalsozialismus war, bei aller Tümelei, eine moderne Bewegung mit effektiver Verwaltungstechnik. Diesem fürchterlichen Aspekt wird die Fixierung politischer Wachsamkeit auf die Neonazis nicht gerecht. Unreflektierte Tabus verfallen; die Verteufelung von Zeichen, Namen, Vokabeln erledigt sich peu à peu. Würden Nachgeborene dagegen entdecken, was ihre Moderne mit der NS-Moderne zu tun hat, ginge es nicht mehr um Dämonen von gestern, sondern um Kontinuitäten. So hat Götz Alys Buch zu „Hitlers Volksstaat“ offengelegt, auf wessen Kosten manche Errungenschaft unseres Sozialstaates entstanden ist.

Wenn eine Hotelkette ihre „Selektion“ ausgewählter Herbergen anpreist, braucht man nicht die Alarmglocke läuten. Wichtiger ist die Frage: Welche Gesellschaft – wer von uns – leistet sich auch das Uneffektive, vom mangelhaften Embryo bis zum unheilbaren Krankengut, vom langzeitarbeitslosen Humankapital bis zum Tattergreis? Wichtig ist die Frage, welche Moderne wir wollen: die der global organisierten Effektivität oder die Moderne der individuellen Menschenrechte.

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