Kultur : Zeichen und Steine

Thomas Lackmann plädiert gegen die Mahnmalisierung Berlins

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Die Muschelkalkquader mit der Inschrift von 1953 stammen aus einer Synagogenmauer. Die 1979 aufgestellte Bronze zeigt gestapelte Leichname. Namen Deportierter markieren seit 1990 eine Brandmauer. Piktogramme und rassistische Gesetzestexte irritieren seit 1993 an Laternenmasten. Schilder mit KZ-Namen unter der Rubrik „Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen“ wurden 1967 an zwei belebteten Einkaufsplätzen eingepflanzt. Eine taumelnde Treppe führt seit 1987 auf der Brücke über einem Bahnhof in die Luft. Wo drei schräge Spiegel seit 2000 einander gegenüberstehen, befand sich mal ein Modezentrum.

Berlin hat neben bekannten oder kleineren Gedenkstätten und über 500 Gedenktafeln ungezählte pathetische oder nüchterne Denkzeichen, die auf NS-Verbrechen hinweisen. Welche sind wichtig? Viele sind in einer Broschüre der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit aufgeführt, deren Titel das radikalste Denkmal der Menschenvernichtung abbildet, Micha Ullmanns unterirdische „Bibliothek“ auf dem Platz der Bücherverbrennung. Dass ausgerechnet dieses Kunstwerk auf dem schönsten Platz der Stadt regelmäßig durch Baumaßnahmen und Ringelpiez-Aktionen nivelliert wird, liegt wohl an der Wahrnehmung des Wichtigen, die im Bezirksamt und in der Landeszentrale unterschiedlich funktioniert; was auch in den besseren Behörden vorkommen soll.

Wenn heute das Kuratorium des Denkmals für die ermordeten Juden Europas zusammentritt, stehen zwar Wolfgang Thierses Rücktritt als Stiftungs-Präses, eine wegweisende Nachfolgerwahl und die kostenträchtige Bewältigung des Besucherandrangs auf der Tagesordnung (Tsp. vom 25. Juni). Aber dahinter lauern (Macht-)Fragen nach der Gewichtung der Protagonisten: beim Kulturstaatsminister, im Kuratorium und in anderen Gedenkstätten, wo man der avisierten erinnerungspolitischen Vernetzung mit gemischten Gefühlen entgegensieht.

Gibt es Wichtigeres, als ein „Reichsgedenkstättenhauptamt“ oder eine „OneStop-Agency“ für die Leuchttürme – Denkmal der ermordeten Juden, Topographie des Terrors, Haus der Wannseekonferenz, Gedenkstätte Deutscher Widerstand – durchzusetzen und irgendwie zu finanzieren?

Verehrtes Kuratorium, liebe MdB: Bitte erlaufen Sie die teils implantierte, teil gewachsene Erinnerungslandschaft Berlins. Erleben Sie, wie winzige und monumentale Hinweise miteinander Geschichten erzählen. Erkennen Sie als Aufgabe, die politisch-moralisch aufgeladene Mahnmalisierung der Objekte und des Diskurses – alles nennt sich heute Mahnmal! – abzubauen. Lassen Sie die Steine reden. Helfen Sie dem Souverän, zu entdecken, woher wir kommen, wo wir leben. Der Weg ist die Stadt.

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