Zeichen und Zeichner : Schritte eines Vögelchens im Schnee

Wie kann man eigentlich so glückliche Figuren zeichnen bei so einer unglücklichen Kindheit? Dem Zeichner und Menschenfreund Jean-Jacques Sempé zum 80.

Gabriele Killert

Jean-Jacques Sempés Kinder sind zauberhafte Geschöpfe. Um es gleich zu sagen: Sempés Geschöpfe sind alle Kinder. Als Liliput-Winzlinge tollen sie herum oder hängen ihren Gedanken nach. Wenn sie größer sind, sagen wir mit stark gelichtetem Haar und Bäuchlein jenseits der 60, tollen und turnen sie nicht mehr so viel, statt zerknautschter Schulranzen tragen sie Aktenköfferchen und die alte Verträumtheit ist fixen Ideen gewichen, wie bei jenem Herrn im Clubsessel, der einen Lebensrückblick mit den Worten beschließt: „Ich wäre gern normal gewesen und hätte gern Genie gehabt.“

Das sind die Späße der etwas älteren, kauzig gewordenen Kinder. Sempé kennt das mit 80, aus kasuistischer Selbsterfahrung. Wahrscheinlich wäre er auch gern ein normal glückliches Kind gewesen und ein genialer Zeichner im Erfinden glücklicher Kindheiten. Leider gibt es das selten in dieser Kombination. Häufiger stehen Entbehrung am Anfang komischer Karrieren. Das war bei Sempé nicht anders.

Ungewöhnliche Einblicke in seine Kindheit gewährt uns Sempé im Gespräch mit Marc Lecarpentier, das den Begleittext des neuen Diogenes-Prachtbands „Kindheiten“ darstellt. „Ziemlich grauenvoll und auch ein wenig tragisch“ sei diese Kindheit gewesen. Statt Küssen gab es Ohrfeigen von der Mama, die ständig böse war auf Monsieur Sempé, seinen Stiefvater, der als Handlungsreisender in Pasteten nicht genug Umsatz machte.

Der kleine Sempé hasste die endlosen Streitereien. Zum Glück gab es das Radio. Es habe ihn gerettet und seine Liebe zur Musik und zum Theater geweckt. Bei den Mitschülern war Sempé als Klassenclown beliebt, bei den Lehrern weniger, die ihn wegen Disziplinlosigkeit von der Schule verwiesen. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, ähnlich wie sein Stiefvater, der als Erster seine Zeichnungen – US-Jeeps, Musiker, Fußballspieler – lobte: Da sei „Bewegung drin“. Der Meinung sind inzwischen Generationen von Kindern aller Altersklassen. Mehr als 30 Bücher hat Sempé seit 1962 veröffentlicht mit Millionenauflagen.

Wie man so fröhliche Kinder zeichnen könne bei einer so schlimmen Kindheit, möchte der Interviewer wissen. „Es war eine Art Therapie“, meint Sempé. Er sei „vollständig untröstlich“, alles gehe ihm sehr nahe, aber ohne Heiterkeit könne man nicht leben. Er habe immer nur glückliche Menschen zeichnen wollen. „Was natürlich verrückt ist. Aber so bin ich eben gestrickt. Selbstverständlich stimmt das alles überhaupt nicht, was ich da mache.“

Sempé ist kein Realist. Seine Zeichnungen sind Akte der Rebellion gegen die Realität. Er will ja nicht nur glückliche Menschen zeichnen, sondern mit dem Zeichnen glücklicher Menschen auch Menschen glücklich machen. Und das schafft man nicht mit dem Abkupfern der Wirklichkeit, die oft unerquicklich ist, sondern indem man Menschen an ihre Unschuld erinnert, die Momente selbstvergessenen Glücks. Alles tendiert und drängt bei Sempé zur Idylle, dem „Vollglück in der Beschränkung“, wie es Jean Paul definiert hat. Wir sehen ein hingetuschtes Kleckschen Blau, darunter ein Kleckschen Grün, dazwischen einen von grazilen Strichelchen konturierten Klecks Rot: Das ist der kleine Nick, wie er im Gras liegt unter einem Sommerhimmel. Ein paar Farbkleckse mehr: Kinder in bunten Badehosen auf den Wellen tanzend. Unbeschreiblich, wie in diesen leuchtenden Wässerchen Heiterkeit und Melancholie zusammenfließen und die Atmosphäre von Kinderglück heraufbeschwören.

Mitgefühl, Lebensfreude und vis comica, oder, wie es ein amerikanischer Zeichner mal genannt hat: „the comedy inside you“ – diese Trias humoristischer Empfindsamkeit bildet das Geheimnis von Sempés Strich. Er ist so zart und filigran auf dem weißen Papier wie der Tritt eines kleinen Vogels im Schnee und erinnert durchaus an das klassische Ideal der „schönen Linie“. Dieser Strich ist im Lauf der Jahre eleganter und freier geworden. Er beseelt alle Dinge, denen er Kontur gibt. Ein kleines Linienensemble genügt, um die Physiognomie der Gefühle – Freude, Bekümmertheit oder Staunen – auszudrücken. Ein großes Linienensemble bildet die Partitur wuselnder Boulevards oder reich möblierter Eigenheime. Und jedes Gesims, jede Balustrade, jeder Ohrensessel swingt mit. Ein zauberhaftes Geschenk, das Sempé uns zu seinem Geburtstag macht. Gabriele Killert

Sempé: Kindheiten, Aus dem Französischen von Patrick Süskind. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 272 S. 39,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben