Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett Berlin : Zwischen Unterwelt und Zoo

Intim, spontan, modern: Die Zeichnung erfährt neue Aufmerksamkeit. Wir stellen einige selten öffentlich zu sehenden Kostbarkeiten aus dem Berliner Kupferstichkabinett vor.

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Sandro Botticellis „Dante und Vergil im achten Höllenkreis (Inferno XVIII)“, ca. 1481–1488.
Prachtstück. Sandro Botticellis „Dante und Vergil im achten Höllenkreis (Inferno XVIII)“, ca. 1481–1488.Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Ob Hölle, Himmel, Tierwelt, Geistesgeschichte oder Wissenschaft – alles, was der Mensch sich so ausdenkt, wird auch in Bilder gefasst. Und zwar nicht erst, seit es Digitalkameras gibt. Einer der wichtigsten Orte der Welt, an dem von Menschenhand geschaffene Bilder gesammelt und aufbewahrt werden, ist, von der digitalen Krake Google mal abgesehen, das Kupferstichkabinett in Berlin.

Das Museum, 1831 gegründet und heute am Kulturforum beheimatet, beherbergt „Kunst auf Papier“ vom Mittelalter bis zur Gegenwart: 550 000 druckgrafische Arbeiten, 110 000 Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen. Die Bandbreite reicht von der handgeschriebenen Bibel bis zum Siebdruck. Um nur einige der Schätze zu nennen: Das Haus besitzt die größte Rembrandt-Sammlung weltweit, 7000 Arbeiten von Karl Friedrich Schinkel, den Nachlass von Adolf Menzel, illuminierte Prachthandschriften aus dem Mittelalter und die größte Sammlung amerikanischer Nachkriegskunst in Europa.

Obwohl das Kupferstichkabinett regelmäßig Ausstellungen organisiert, mit vielen Museen kooperiert und Werke in alle Welt verleiht, ist die Sichtbarkeit seiner umfassenden Bestände vergleichsweise gering. Viele der empfindlichen Blätter dürfen nur selten ans Tageslicht. Hinzu kommt: Das Kupferstichkabinett ist eine Studiensammlung, der Schwerpunkt liegt auf dem Sammeln, Archivieren und Studieren von Zeichnungen und druckgrafischen Werken, nicht auf dem Zeigen. Im Studiensaal kann aber jeder Bilder ausleihen und in aller Ruhe betrachten. „Das nehmen Kunsthistoriker, Mediziner, Soziologen und Naturwissenschaftler in Anspruch, aber auch viele Künstler“, sagt Direktor Heinrich Schulze Altcappenberg. Regelmäßiger Besucher ist der amerikanische Maler David Hockney, ein großer Verehrer der Zeichenkunst Adolf Menzels.

Immer mehr Künstler sammeln leidenschaftlich Zeichnungen

Die Zeichnung erfährt zur Zeit wieder neue Aufmerksamkeit, gerade weil sie nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Sie ist privater, kritischer, spontaner als ein Gemälde. Immer mehr Künstler, allen voran Georg Baselitz und Thomas Scheibitz, sind leidenschaftliche Sammler von Zeichnungen. Auch der Kunstmarkt reagiert. In diesem Herbst wurde im Berliner Auktionshaus Bassenge eine Zeichnung der deutschen Romantik für 2,6 Millionen Euro versteigert. Ein Superlativ. Das Blatt war zuvor vom Kupferstichkabinett an die Erben restituiert worden.

Das Haus, in dem 25 feste Mitarbeiter arbeiten, betreibt aktive Provenienzforschung: Rund 200 Werke wurden bereits zurückgegeben. Ansonsten wird die Sammlung kontinuierlich erweitert. Auch die Graphische Gesellschaft, der Freundeskreis des Kupferstichkabinetts, erwirbt regelmäßig neue Arbeiten, überwiegend aus der Zeit nach 1960. Einer der jüngsten Neuzugänge ist eine Zeichnung des Pop-Art-Künstlers Al Taylor – zusammen mit einigen anderen selten öffentlich zu sehenden Kostbarkeiten wird sie auf dieser Seite vorgestellt.

Sandro Botticellis „Dante und Vergil im achten Höllenkreis (Inferno XVIII)“, ca. 1481–1488.
Prachtstück. Sandro Botticellis „Dante und Vergil im achten Höllenkreis (Inferno XVIII)“, ca. 1481–1488.Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Sandro Botticelli: Kino im Kopf (1488)

200 Jahre nachdem Dante seine „Göttliche Komödie“ vollendet hatte, fasste der florentinische Künstler Sandro Botticelli den Plan, das 100-teilige Gedicht über Dantes Gang durch die Hölle, durch Fegefeuer und Paradies erstmals vollständig zu visualisieren. Sein Auftraggeber war Lorenzo di Pierfrancesco de’Medici.

Format, Detailreichtum und Individualität der Darstellung – kein Gesicht gleicht dem anderen, jede Kreatur hat ihren eigenen Ausdruck – übertreffen alles, was im Bereich der Buchillustration bis dahin gemacht worden war. Botticelli zeichnet Dantes Erzählung wie einen Film, ein Blatt schließt nahtlos an das nächste an. 18 Jahre arbeitete er an dem Zyklus. Dann signierte er auch die unfertig wirkenden Blätter. Es ist gut, wie es ist.

Das Kupferstichkabinett erwarb die Zeichnungen in einem spektakulären Ankauf aus der Sammlung des schottischen Herzogs Hamilton. Sogar ein Stück Ost-West-Geschichte hat sich inzwischen eingeschrieben. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Zyklus getrennt, das Paradies landete im späteren Kupferstichkabinett Ost, Hölle und Fegefeuer im Westen der Stadt. Erst nach dem Mauerfall kamen alle Teile im Kupferstichkabinett am Kulturforum wieder zusammen.

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