Kultur : Zeichnungen und drei Stahlskulpturen aus der Früh- und Spätzeit des Künstlers

Klaus Hammer

Während seit Jahren eine vom Institut für Auslandsbeziehungen zusammengestellte Werkübersicht Michael Morgners durch die Welt zieht und jetzt in Mexico City Station gemacht hat, zeigt sein Berliner Galerist Gunar Barthel bisher noch weitgehend unbekannte Werke aus der Früh- und Spätzeit des in Einsiedel bei Chemnitz lebenden Künstlers: Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen aus den 70er Jahren im Spannungsfeld mit drei Stahlskulpturen, die erst in letzter Zeit entstanden sind.

Morgners Arbeiten sind "gebaut". Die bildbegrenzende Waagerechte und Senkrechte, die die Fläche und ihre Maßverhältnisse bestimmen, werden häufig als Bildelemente wieder aufgenommen - gelegentlich im Sinne eines Bildes im Bild oder analog zu einem Fenster. Prägungen geben den Arbeiten Reliefcharakter, die Collage/Decollage-Technik stellt für alles Mitteilenswerte im Grenzbereich zwischen Gegenstandslosem und Gegenständlichem den Bezug zur Vergänglichkeit her. Das große Thema Morgners ist das christliche Motiv des Ecce homo. Für den Künstler spiegeln sich darin die Grundsituationen menschlicher Existenz in der Polarität von Leben und Tod, die Geschlechterbeziehungen, das Ausgeliefertsein des Einzelnen an diffuse Mächte. Das verlangt ungewöhnliche bildnerische Erfindungen und wird zugleich in unendlichen Wiederholungen und Variationen immer wieder bis zur Erschöpfung angegangen. Er überträgt sie vom Papier auf großformatige Leinwände, die er in einer eigenen Lavage-Technik überarbeitet: Tusche wird mehrfach ausgewaschen, der Bildgrund dadurch aufgerieben und das Schwarz von unterschiedlichen Grauwerten überlagert. Holzschnittartige Körpergesten, in starre Hülsen gepresste, von bedrohlichen Aquatintaschwärzen eingeschlossene Figuren, Hockende, Gebeugte, Stürzende, gekrümmte "Angst-Figuren", aber auch solche, die sich im "aufrechten Gang" üben. Eingespannt in sich verschiebende geometrische Flächen, zwischen bedrohlich hängendem Himmel und dunkler, ungeschlachter kreatürlicher Existenz.

Der Malakt ist bei Morgner ein Rede- und Antwortspiel mit dem Zwang zur Verknappung und Reduktion: Kein Fabulieren, kein Dekor, keine Arabesken, nichts überflüssiges. Chiffren wie das Kreuz, Symbol für Tod und Auferstehung, Dreiecke, Balken, Pfeile und Schlüssel sind Hieroglyphen in einem zeichenhaften Raum, mögliche Wegweiser aus einer Welt alptraumhafter Gewalttätigkeiten (Preise von 2500 bis 10 000 Mark). Ein Hauptwerk der 70er Jahre ist das monumentale Bild "Artisten III" (90 000 Mark): Wie jene das Koordinatensystem bildenden Linien, Bänder und Formfragmente sind die Figuren nur Bildzeichen im Bildraum, in dem sie auftauchen, sich verhüllen, sich verändern. In der Skulptur will Morgner dann vollends Räume im Raum schaffen. Ob er nun die Positiv- aus der Netativform löst, gleichsam "aufklappt", die auf ihr grafisches Körpergerüst reduzierte Figur als Binnenform in die Rahmenform transparent einschließt oder sie reliefartig der Rahmenform "davorsetzt", immer sucht sich die Gestalt gegen den sie bedrängenden Raum durchzusetzen.

Die titellose skelettierte und durchlässige Skulptur eines Geschlagenen, zu Boden Geworfenen von 1998 (Drei Versionen, Preise pro Werk je 30 000 Mark), scheint eher ein sich verzweifelt Aufrichtender zu sein. Er mag durchaus als postmodernes Gegenstück zu Lehmbrucks "Gestürztem" bezeichnet werden.Galerie Gunar Barthel, Fasanenstr. 15, bis 4. September; Dienstag bis Freitag 11 - 19 Uhr, Sonnabend 11 - 14 Uhr.

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