Kultur : Zeichnungen von Hans Theo Richter in der Galerie Pels-Leusden

Klaus Hammer

Für Hans Theo Richter, den 1969 verstorbenen Dresdner Meister der Zeichenkunst und Grafik, galt ein Grundsatz: "Was man liebt, muss man überwinden." So befreite er sich von den Künstlern der "Brücke" und dem bis 1924 in Dresden wirkenden Oskar Kokoschka ebenso wie von seinem verehrten Lehrer Otto Dix, um zu sich selbst zu finden. Den Verlust beinahe seines gesamten Werkes in der Dresdner Bombennacht im Februar 1945 hat Richter in strenger Disziplin zu überwinden versucht. Wie die Zeichner Max Schwimmer, Josef Hegenbarth und Herbert Tucholski verfolgte er dabei einen expressiven Realismus, für den die Perspektive des persönlichen Erlebens eine ebenso wichtige und fruchtbare Dimension darstellte wie damals für andere Künstler des Ostens der gesellschaftliche Auftrag.

Der 30. Todestag des Künstlers ist der Galerie Pels-Leusden jetzt Anlass, ihre langjährigen Bemühungen um die Kunst des Zeichnens mit repräsentativen Arbeiten aus dem Nachlass von Hans Theo Richter fortzusetzen. Blätter, die sich auf reine Liniensprache beschränken, stehen hier solchen gegenüber, die eher aus geschlossenen Flächen leben. Zu den lockeren Strichen von Kohle, Rötel und Kreide (1200 bis 7000 Mark) gesellen sich die scharfe Linie der Feder, die Braun- und Schwarztöne des Tuschpinsels (3800 bis 9000 Mark) und die Aquarelle in satten, gebrochenen Farben (11 000 bis 22 000 Mark) hinzu. Gänzlich unspektakuläre Motive aus dem täglichen Leben, Kinder, junge Frauen, Mütter mit Kind, Akte, alte Menschen und Porträts bilden nach 1945 einen geschlossenen Themenkreis. Gerade in diesen von tiefer menschlicher Wärme geprägten Bildnissen ist die Verwandtschaft zu Käthe Kollwitz zu spüren.

Der Ton der Blätter ist verhalten und gedämpft, die Gebärden sind sparsam und einfach, die Körper von starker Plastizität. Das die kleine Schwester umfassende Mädchen, die Mutter, die schützend ihr Kind hält, die spielenden Kinder, die Menschen am Strand, der Maler und sein Modell - sie alle sind unverkennbar erfasst, und doch so auf das Wesentliche abstrahiert, dass sie zeitlos erscheinen. Hier wird verhüllt und offenbart, was Unsagbares den Menschen bewegt.

Immer wieder faszinierend ist das Spiel zwischen Figur und Grund. Die Figur steht vor dem weißen Blattgrund, eingebettet in den Perlmutt-Schimmer der Lavierung, oder verschwindet fast im dunklen Grund, der "Urmasse". "Ich versuche alle Formen auf Urformen zurückzuführen: Kreis, Ellipse, Quadrat. Damit wird die Natur, die aus unendlichen Zufälligkeiten besteht, in mir und auf dem Papier geordnet." Rigoros hat er deshalb jedes Blatt ausgesondert, das nicht seinen Forderungen entsprach.Galerie Pels-Leusden, Fasanenstr. 25, bis 29. Januar; Montag bis Freitag 10-18.30 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr. Katalog 30 Mark.

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