• Zeichnungen von J. Steinhardt: Anhaltender Sturm - Berliner Stadtmuseum im Ephraim-Palais

Kultur : Zeichnungen von J. Steinhardt: Anhaltender Sturm - Berliner Stadtmuseum im Ephraim-Palais

Katrin Bettina Müller

Im Alter von fünf Jahren saß die Josefa ihrem Vater Modell. Dass sie noch klein war, sieht man an dem Stuhl, auf dem sie sitzt. Mit einem Buch auf den baumelnden Knien ist das Mädchen ganz ernst geworden in der Bemühung, still zu halten. Rot leuchtet ihr Haar. Die Kreidezeichnung von 1928 ist eine der 478 Zeichnungen von Jakob Steinhardt, die Josefa Bar-On Steinhardt nun dem Stadtmuseum Berlin geschenkt hat. Zierlich und noch immer rothaarig sitzt sie beim Pressetermin zwischen Museumsdirektor Reiner Güntzer und Kurator Dominik Bartmann. Lange denkt sie über die Frage nach ihrem Lieblingsbild nach. Aber als sie dann mit beiden Armen die Landschaften "Sturm" und "Kumulus" beschreibt, in denen sich Bäume, Wolken und Wellen zu unheimlichen Gebilden auftürmen, glüht ihre Liebe zum Expressionismus auf. Fast tanzt sie die Bilder. Für diese Verschmelzung von Fantastischem und Realistischem im Werk ihres Vaters wünscht sie mehr Anerkennung.

Zusammen mit Ludwig Meidner gründete Jakob Steinhardt 1912 die Künstlergruppe "Die Pathetiker". "Sie wollten wieder eine Kunst schaffen," schrieb Steinhardt später in seinen Erinnerungen, "die Volk und Menschheit packt und nicht nur die ästhetischen Bedürfnisse einer kleiner Schicht befriedigt. Wir malten nun drauf los. Die Themen waren: Die Großstadt, Sintflut, der Prophet, Weltuntergang, Apokalypse, der Krieg, die Seuche, Jeremias u. s. w.". In der Zeichnung "Elegie" biegen sich über die Trümmer einer Stadt nackte Rücken, fast in einem Kreis angeordnet. Formal erinnert das Blatt an einen Reigen von Matisse, der zu den Lehrern Steinhardts gehörte. Die Figuren der "Sintflut" sind noch weiter aufgelöst. Steinhardt überdehnte ihre Glieder, trennte die Binnenzeichnung vom Umriss.

Dass er mit dieser Zersplitterung des Formgefüges dennoch eine Randfigur in der Geschichte des Expressionismus blieb, liegt in seiner Religiösität begründet. Sie verleiht viele seiner Bilder einen bekenntnishaften Charakter. Ausgerechnet 1914, in Litauen, wohin Steinhardt als deutscher Soldat geschickt wurde, setzt diese Phase ein. Er, der 1896 aus der Provinz Posen nach Berlin auf die Schule gekommen war und als "Jid" verspottet wurde, hatte seine Herkunft schon zu leugnen gelernt. "Weil ich also in meinem vergangenen Leben nie eine solche Umgebung gekannt habe", schrieb er in sein Tagebuch, "haben mich die litauischen Juden tief bis ins Innerste ergriffen und in mir die Liebe zu meinem Volke (...) mit aller Kraft erweckt." In Genreszenen tauchte er in die chassidische Welt ein.

Eine Wand der Ausstellung fasst seine Caféhausszenen der zwanziger Jahre zusammen. Da beschränkt sich Steinhardt auf kleinbürgerliche Geselligkeiten, ohne die extremen Gegensätze von Arm und Reich oder das erotische Schillern der Verzweifelten wie bei Otto Dix oder George Grosz zu schildern. Leidenschaft packte ihn dagegen bei biblischen Metaphern. In Bildern von Hiob in der Wüste und der Vertreibung aus dem Paradies suchte er eine Form, die dem Erlittenen schicksalshaften Sinn gaben. Die eigene Emigration 1933 nach Israel schlug sich dagegen nur in der zeichnerischen Auseinandersetzung mit seiner neuen Umgebung nieder. In den heißen Tälern und schattigen Gassen, die 1938 / 40 in Israel entstanden, scheint die Zeit still zu stehen.

In den "Grotesken" der 30-er und 50-er Jahre allerdings macht sich das Unfassbare Luft. Manchmal türmen sich Häuser zu steilen Felsen auf, die von Vogelköpfen gekrönt werden, dann wieder ist es eine amorphe Masse, die als "Übel" durch die Welt schlurft. Steinhardts bekannteste Bild ist der"Prophet" (1913), heute wieder im Besitz der Jüdischen Gemeinde. Das Bild stellte 1995 auch den Titel für die erste Steinhardt-Ausstellung des Jüdischen Museum im Berlin Museum; sie war das letzte gemeinsame Projekt. Als sich das Jüdische Museum vom Stadtmuseum trennte, gingen die 1993 vom Berlin-Museum gekauften Graphiken und das von Josefa Bar-On aus diesem Anlass übergebene Archiv ans Jüdische Museum. Damit ihr Vater in beiden Häusern einen Platz behält, schenkte sie die Zeichnungen dem Stadtmuseum, um beide Institutionen zur Zusammenarbeit zu verpflichten.

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