Kultur : Zeig’ mir den Weg ins gelobte Land!

Erstmals präsentiert das „Musikfest Berlin“ drei Opern in konzertanten Aufführungen: Gershwins „Porgy and Bess“, Schönbergs „Moses und Aron“ sowie John Adams’ „Nixon in China“.

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Gershwin-Girl. Measha Brueggergosman wird die Bess singen. Foto: P. Elledge/Universal
Gershwin-Girl. Measha Brueggergosman wird die Bess singen. Foto: P. Elledge/Universal

Wer hat Angst vorm neuen Musiktheater? Drei Opern des 20. Jahrhunderts bringt das „Musikfest Berlin“ in diesem September zur konzertanten Aufführung. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein – und weisen doch subtile Bezugspunkte untereinander auf.

Mehr oder weniger explizit geht es in den drei Werken nämlich um die Suche nach dem Gelobten Land, einem Ort des Friedens und der Gerechtigkeit, der vielleicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden ist, vielleicht aber auch erst jenseits der Jakobsleiter. In Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ liegt die Thematik auf der Hand, ist mit dem Schicksal des Komponisten eng verwoben. 1933 floh der angesehene Künstler vor zunehmenden Anfeindungen der Nazis aus Berlin zunächst nach Paris, wo er zum jüdischen Glauben übertrat, bevor er in den USA eine neue Heimat suchte.

Die Oper blieb unter solchen Bedingungen unvollendet. Doch auch als Fragment wurde sie ein Klassiker der Moderne, schlägt mit ihrer konflikthaft zugespitzten Musik, die die Auseinandersetzung der Protagonisten dramatisiert, immer wieder in den Bann. Höhepunkt des verzweifelten Weges der Kinder Israel durch die Wüste ist der Tanz ums Goldene Kalb, dessen „Unmoral“ bei den ersten Aufführungen in den fünfziger Jahren noch wilde Proteste hervorrief. Sylvain Cambreling dirigiert das zwölftonerfahrene SWR-Sinfonieorchester und die EuropaChorAkademie ; der grandiose Franz Grundheber ist in der Sprechrolle des Moses zu erleben, während Andreas Conrad, gefeiert als schneidender „Herodes“ aus der „Salome“ von Strauss, den Aron singt (Aufführung am 2. September).

Neu tönende Dissonanzen sind in „Porgy und Bess“ von George Gershwin nicht zu befürchten. Es handelt sich hier um eine der populärsten Opern des Repertoires – mit unsterblichen Songs wie „Summertime“ oder „I Got Plenty o'Nuttin“.

„Porgy und Bess“ zeigt den harten Überlebenskampf der Afroamerikaner, die auch nach Abschaffung der Sklaverei kein „Gelobtes Land“ vorfinden und in dem auch die Liebe zwischen dem Krüppel Porgy und der Hure Bess keine Chance hat. Bess wird von Measha Brueggergosman verkörpert, der im leichten Genre ebenso wie im Wagnerfach erfahrenen kanadischen Sopranistin, als Porgy ist der legendäre Bassbariton Sir Willard White zu hören. Unter der Gesamtleitung von Simon Rattle agieren neben den Berliner Philharmonikern Sänger der südafrikanischen Cape Town Opera (14., 15. und 17. September).

Vielleicht liegt das Gelobte Land ja auch in China? Wenn Kathleen Kim in „Nixon in China“ von John Adams schmettert „I'm the wife of Mao Tse Tung“ und sich dabei zu Spitzentönen versteigt wie die Königin der Nacht, erinnert man sich, dass das zumindest einmal behauptet wurde. Doch auch Richard Nixon und seine Pat bekommen hier ihr ironisches Fett weg.

Der Komponist selbst leitet die längst fällige Berliner Erstaufführung mit dem BBC Symphony Orchestra, eine Produktion, die direkt von den Londoner Proms nach Berlin kommt. Man darf auf ein Werk des romantisch aufgeladenen Minimalismus gespannt sein, das den Staatsbesuch des US-Präsidenten 1972 behandelt und damals als ein Zeichen der Entspannung im Kalten Krieg gewertet wurde (10. September). Isabel Herzfeld

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