Kultur : Zeig mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist

In ihrem Berliner Ausstellungsraum Future7 stellen zwei Künstler junge Sammler wie den Software-Entwickler Ivo Wessel vor

Ulrich Clewing

Dass man den Sammler in und hinter seiner Sammlung erkennt, ist einer der sich am hartnäckigsten haltenden Mythen der Moderne: in der Realität oft bestätigt, aber mindestens genauso oft enttäuscht und mittlerweile ein bisschen abgenutzt. Doch es geht auch anders. Seit gut anderthalb Jahren veranstalten die Künstler Nikolai von Rosen und Florian Wojnar, gemeinsam Future7, in ihrem Atelier am Alexanderplatz Ausstellungen, in denen sie jüngere Berliner Kunstsammler vorstellen. Laut Rosen und Wojnar werden hier auf engstem Raum Zusammenhänge sichtbar, „die als offene Bezüge eine weiterreichende Aussage über Wahrnehmungsprozesse möglich machen und somit als Selbstporträts zu verstehen sind“.

Das klingt kompliziert, funktioniert aber hervorragend. Denn Rosen und Wojnar hängen die gemeinsam ausgewählten Stücke aus den jeweiligen Sammlungen nicht einfach an die Wand, sondern entwickeln für jede Präsentation eine spezielle Form. Die Werke bilden somit eine Art doppeltes Sammlungskonzentrat – einmal wegen der Beschränkung auf wenige Arbeiten, zum anderen durch die architektonisch-künstlerische Dramaturgie ihrer Anordnung.

Aktueller und denkbar dankbarer Gast bei Future7 ist der Berliner Software-Entwickler und Fachbuchautor Ivo Wessel. Dass Wojnar und Rosen den 40-jährigen „eine interessante Realität für uns“ nennen, ist auf Anhieb nachvollziehbar: Wessel weiß genau, was er an den einzelnen Werken schätzt und warum es manchmal statt Einzelstücken ganze Konvolute sein müssen – selbst wenn die Gründe dafür bisweilen etwas verschroben wirken könnten. Ein Beispiel: Wessel sammelt Kunst, ist aber auch bibliophil. Er hat alles von Robert Gernhardt, und das heißt bei ihm nicht nur Originalmanuskripte und Erstauflagen, sondern 30 Exemplare vom gleichen Buch, säuberlich nebeneinander aufgereiht und in Plastikfolie eingeschweißt. Wenn er eines verschenkt, kauft er es nach Möglichkeit nach („Wenn man ein Buch mag, ist es doch klar, dass man viele davon haben möchte“).

Das Klischee vom gelebten Umgang mit seinem Besitz entpuppt sich bei Rosens und Wojnars Sicht auf den „Kollektor“ Wessel (so der Titel der Ausstellungsreihe) als unverblümte Wirklichkeit mit all den damit verbundenen Eigentümlichkeiten und Obsessionen. Es ist bezeichnend, dass Wessel die interaktiven Aspekte an Kunst besonders bevorzugt. Unter anderen besitzt er das „Universal Timepiece“ von Mark Madel, ein Apparat, der sich nach 25 Jahren selbst zerstört, sofern nicht jemand die Elektronik von Hand außer Funktion setzt. Ein Unterfangen, das erheblichen körperlichen Einsatz erfordert, immerhin muss dafür die ganze Zeit ein Knopf heruntergedrückt gehalten werden – sobald man loslässt, fängt die Zeituhr wieder an zu ticken.

Außerdem gehört Wessel eine umfangreiche Kollektion von Videokunst, die in einem Display gezeigt wird, welches die Besucher der Ausstellung steuern können. Und auch die nächste Vorliebe des Porträtierten fügt sich passgenau ins Bild, das Rosen und Wojnar konstruiert haben. Dabei handelt es sich um Arbeiten von Künstlern wie Jenny Holzer, Endre Tòt oder auch Otmar Hörl, die im weitesten Sinn zur Concept Art zu zählen sind und den Betrachter (und Besitzer) brauchen, um „komplettiert“ zu werden. Fotografien von Anna und Bernhard Blume, Ken Adam und Wim Wenders, Op-Art von Adolf Luther und Neo-DadaPieces von Dana Wyse runden das Tableau ab. Oder führen auf Seitenwege, beschwören Assoziationen, schaffen imaginäre Verbindungen von eigentlich unvereinbaren Elementen. Und am Ende addiert sich diese Gesamtheit zur wundersamen Erfahrung, in den Gegenständen tatsächlich einer authentischen Person begegnet zu sein. Die Reihe wird fortgesetzt.

Future7, Karl-Liebknecht-Straße 11, geöffnet nach Vereinbarung unter 030/21 23 09 04 oder 0179/117 83 56

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