Kultur : Zeige deine Wunde - Lesung über Vergangenheit und Gegenwart

Mirko Weber

Wer mich nicht liebt, der darf mich auch nicht beurteilen, hat Goethe gesagt, und es war ihm ernst damit. Auch Martin Walser war es ernst, als er über Goethes Satz 1985 in der "New York Times Book Review" schrieb, man möchte so etwas "jede Woche in jeder Zeitung auf der ersten Seite lesen". Noch schöner seien viele Briefschlüsse Goethes: "Lebe wohl, liebe mich". Je mehr man mit Goethe umgehe, setzte Walser an den Schluss des Aufsatzes "Hilfe vom Selbsthelfer", desto leichter würde es, "ihm diesen Wunsch zu erfüllen".

Liebe also. Im Foyer des Stuttgarter Landtages, wo Martin Walser nach langer Zeit wieder öffentlich auftritt, kann er die Probe darauf machen. Das Publikum tut sich anfangs leicht, die Begrüßung fällt warmherzig aus. In der Einführung ist einerseits vom "tief verwurzelten Alemannen" wie vom "herausragendsten" (!) Schriftsteller die Rede. Walser mag sich nicht beklagen, ob soviel "geballter Freundlichkeit". Andererseits komme man ja so kaum mehr zu sich selbst, fährt er fort. Er möchte sich nunmehr zurückhalten, um nicht noch einmal "in eine solche Zeitgeistorgie" hineinzugeraten. Dann liest er.

Wie sehr kann man dem trauen, was von früher zurückkommt? Das ist das Thema: "Vergangenheit und Gegenwart". Drei Meditationen hat er in seinem Roman "Ein springender Brunnen" dieser Frage gewidmet und stellt sie nun noch einmal vor. Anfangs unterbricht er sich häufiger und schweift zu Marcel Proust ab. Über seine Lektüre von Prousts "Recherche" hat Walser schon 1958 berichtet, und es ist, als ob ein unsichtbares Band die "Recherche" und den "Brunnen" verbindet: Von Proust war zu lernen, dass "eben nicht alles Spuren in uns zurücklässt". Ist es bei ihm nicht genau so? "Die Vergangenheit mag es nicht, wenn ich ihrer habhaft werden will", sagt Walser. Dann liest er wieder. Liest und liest und rollt sich mundsprachlich gekonnt durch den "La Paloma"-Abschnitt, um aufs "Erste Mal" zu kommen, nach der Beichte, vor der Ersten Kommunion, wenn Johann mit seinem "Schwanz" spricht: "Ich bin der, der ich bin", sagt der. Und Johann antwortet: "Du bist der, der du bist". Es wird ein erfolgreiches Gespräch. Man versteht sich. Der Ministerpräsident Erwin Teufel lächelt etwas verzwungen in sich hinein. Das Publikum legt kollektiv den Kopf schief.

Die Lesung ist zu Ende. Nun wäre es soweit. Lebewohl und Liebe. Aber da ist noch die Wunde, und Martin Walser zeigt sie her wie Wagners Amfortas: Da fehle doch etwas, hätten zwei von 125 Kritikern gesagt (er hat sie alle gezählt), "und da haben sie einen Namen dazu gesagt". Jeder weiß, was Walser meint. Erst sagt es ihn nicht, dann doch: "Auschwitz". Das Wort allein löst etwas in Walser aus, und im Stuttgarter Landtag entsteht der Eindruck, als spräche nicht mehr er, sondern eben es aus ihm heraus. Oft verliert sich der Gedankengang. Dann unterbricht er sich, und wehrt mit den Händen ab. Bubis, die Debatte, lange her. Aber doch: Dass der Bundespräsident Johannes Rau gemeint habe, der Friedenspreis für Fritz Stern sei eine "Wiedergutmachung" für den Friedenspreis an ihn, das sei, sagt Walser, doch "Heuchelei". Da beginne die "Lüge", wenn "einer sich der Vergangenheit eines anderen unterwirft".

Walser leidet daran, dass viele unter ihm gelitten haben, weil er sich in der Debatte mit Bubis oft so gewunden ausdrückte. Da war es schwer, Walser nicht misszuverstehen. In Stuttgart spricht er vorzugsweise von seinem Roman - und doch nicht nur. Was Walser stört, kann er auf den Begriff bringen. Es ist die "Normierung des Historischen". Das möchte er praktisch keinem erlauben, nicht dem Fernsehmoderator Lojewski und nicht dem Soziologen Habermas.

Seine eigene Begrifflichkeit ist klar definiert: Subjektivität. Darüber käme keiner hinaus. Nicht ein Historiker reiche in der Schilderung Napoleonischer Kriege heran an Tolstoi in "Krieg und Frieden". In solchen Momenten "redet es vollmundig aus mir heraus", das weiß Walser wohl. Aber es stört ihn nicht. Der Ministerpräsident versucht, eine goldene Brücke zu bauen: Friedell, Rothfels, Hofer, das seien doch Historiker, die ... Er will wirklich helfen. Aber Walser ist in diesem Augenblick nicht zu helfen. "Wunderbar", sagt er, als die Namen fallen und reißt die Brücke wieder ein. "Wunderbar". Es klingt wie: Erledigt. Schwer, mit Walser zu rechten, wenn man ihm nicht vollkommen zustimmt, wie eine fünfundneunzigjährige Dame, die ihm eine "Liebeserklärung" macht. Da hebt er das Glas und trinkt: auf seine Wahrheit, die wohl die Wahrheit vieler ist.

Bevor Walser sich wieder um Kopf und Kragen redet, endet der Abend. Der Applaus zeugt von Respekt. Liebevoll ist er nicht.

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