Kultur : Zeigen ist Gold

Werbung statt Urteil: Mit Helmut Merkers WDR-„Filmtip“ verabschiedet sich das Fernsehen von der Filmkritik – Chronik eines Niedergangs

Sebastian Handke

Als „schmollende Autisten“ beschimpfte der Film- und Fernsehproduzent Günter Rohrbach Anfang des Jahres die Zunft der Filmkritiker. In seinem flammenden Beitrag für den „Spiegel“ legte er seine Auffassung von Kritik offen: dass sie vor allem Werbung zu machen habe für den Kinobesuch. Die Filmkritik im Fernsehen kann er mit seiner Polemik nicht gemeint haben. Die hat sich seinem Ideal nämlich schon weitgehend angepasst. Es spricht ja nichts gegen den schnellen Service für eilige Kinogänger. Das Fernsehen ist voll davon: im Frühstücksfernsehen, den Filmmagazinen der Privaten, aber auch in „Kino Kino“ (Bayerischer Rundfunk) und im „Filmvorführer“ des RBB – überall heißt es Daumenrauf, Daumenrunter, drei Sterne, fünf Sterne, Hop, Top, Flip oder Flop.

Kritik aber kann man auch anders verstehen: als Beitrag zur Verständnisvertiefung und Reflexion der ästhetischen Mittel, die das sinnliche Vergnügen nicht mindert, sondern erhöht. „Der Kritiker ist ein Zeigender“, soll der Kunsttheoretiker Boris Groys gesagt haben. Kaum jemand entspricht diesem Bild so gut wie Helmut Merker von der WDR-Filmredaktion. Sein „Filmtip“, den übrigens Rohrbach selbst einst ins Leben rief, ist herrlich unzeitgemäß: bedächtig, gründlich, reflektierend, manchmal ein wenig didaktisch, eine Wohltat. Doch Helmut Merker wird Ende des Monats in den Ruhestand gehen. Was dann aus dieser Redaktion wird, in der einst vier Redakteure beschäftigt waren und die die Filmrezeption in Deutschland über Jahrzehnte nachhaltig inspirierte, ist ungeklärt. Gut sieht es nicht aus: Nicht nur Merkers „Filmtip“ droht zu verschwinden, auch die einzigartige Filmarbeit der WDR-„Kinozeit“ steht auf dem Spiel: mit einem jetzt auf 300 000 Euro halbierten Etat kann nicht mehr ernsthaft gearbeitet werden.

Das hat Konsequenzen übers Fernsehen hinaus. „Kleine Verleihe sind auf die Zusammenarbeit mit der Filmredaktion des WDR angewiesen“, sagt Helmut Merker, etwa, wenn man sich die Kosten für die Synchronisation oder Untertitelung teilt. „Viele kleine Filme werden nicht mehr den Weg ins Kino finden, wenn diese Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist.“ Merkers Nachfolger hätte dann nur noch eine Aufgabe: er würde aus dem ARD-Bestand die Wiederholungen aussuchen, die im dritten Programm des WDR abgespielt werden. „Das kann auch ein dressierter Affe.“

„Die einzig wahre Kritik eines Films kann nur ein anderer Film sein“, sagt der französische Filmemacher Jacques Rivette. Müsste das Fernsehen dann nicht das bevorzugte Medium sein für leidenschaftliche und anspruchsvolle Filmkritik? Nicht unbedingt. Denn sie hat im Fernsehen mit medienspezifischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie kann nicht annähernd so viel Raum in Anspruch nehmen, wie es in Zeitungen und Magazinen der Fall ist. Aus vielen Filmstarts müssen einige wenige ausgewählt werden – auch das ist bereits eine Form der Kritik. So neigt man dazu, eher das vorzustellen, was für gut befunden wird. Wer möchte kostbare Sendezeit für schlechte Filme verschwenden? Zu viel Jubel allerdings rückt auch ernsthafte Kritik in die Nähe der Film-PR.

Weil man als Fernsehredakteur auf Bilder angewiesen ist, sitzen Verleiher und Agenturen am langen Hebel. „Das EPK war der Sündenfall“, sagt Helmut Merker. Electronic Press Kits sind kleine Materialsammlungen, von Verleihern aufbereitet und kostenlos zur Verfügung gestellt. „Als das anfing, hätten sich die Filmredakteure gemeinsam dagegenstemmen sollen.“ Heute ist von den großen Verleihern kein anderes Material mehr zu bekommen, was bedeutet: Die Filmindustrie kontrolliert, welche Bilder der Redakteur zeigen darf und welche nicht. Daher sehen übrigens die Filmbeiträge alle ähnlich aus.

In EPKs üblicherweise enthalten sind außerdem belanglose Interviews, Making-ofs und kleine „Berichte“. Zeitdruck, Geldnot oder Faulheit führen dazu, dass sich die Redaktionen sich hier hemmungslos bedienen. Das macht die Beiträge billig, schnell, anspruchslos. Mehr als jedes andere Medium hat sich das Fernsehen den Geboten der Eventkultur hingegeben: Vor allem in den Kulturmagazinen hat sich der rote Teppich daher breitgemacht wie eine ansteckende Krankheit. Das führt zurück zum Problem der Auswahl: Ohne roten Teppich schafft es heute kein Film mehr in die Tagesthemen.

Weil es inzwischen aber jenseits der Hofberichterstattung und der Verbraucherberatung kaum noch Möglichkeiten zu einer eingehenden Beschäftigung mit Film gibt, mag auch kein ernsthaft an Film Interessierter im Fernsehen arbeiten. Die Klage der Sender, dass es an Persönlichkeiten fehle, die das Kino lebendig präsentieren können, trifft sie selbst: Man stelle sich nur mal vor, Verlage hätten den Versuch unternommen, dem Literarischen Quartett vorzuschreiben, von welcher Seite eines Romans zitiert werden darf.

In den Vereinigten Staaten lässt sich beobachten, wohin der PR-Zug sich bewegt. Weil es dort sehr viele Sender gibt, die das Agenturmaterial unkommentiert weiterreichen, gehen die Verleiher dazu über, die Filmpresse zu ignorieren. Manchmal gibt es nicht mal mehr Pressevorführungen oder, wie im Falle der „Simpsons“, sie werden so spät angesetzt, dass sich niemand schon zum Startwochenende von Kritik belästigt fühlen muss. Filmberichterstattung wird zum geschlossenen Kreislauf; anspruchsvolle Filmkritiker wie Helmut Merker stören da nur. „Das läuft dann von alleine.“

Dass Helmut Merker, ein Exot im eigenen Hause, so lange unbehelligt blieb, hat er wohl der Form seines „Filmtip“ zu verdanken: Eigentlich nur ein Lückenfüller zwischen Kinozeit-Film und „Domian“-Talk, blühte hier eine Spielwiese, die den anderen vormacht, was Filmkritik im audiovisuellen Medium sein kann: eine sorgfältige, optische Analyse, die Konstruktion und Mittel des Films entflechten und vor Augen führen kann, wie es in keinem anderen Medium möglich ist. Mit Helmut Merkers „Filmtip“ verschwindet die letzte „zeigende Kritik“ von der Bildfläche.

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