Kultur : Zein und Seit

Die neue Währung macht neue Laune, also geht das Wort von der "Europhorie" schon um. Die Wertschöpfung korrespondiert hier mit der Wortschöpfung. Das freilich ruft auch die Wortwertbewahrer auf den Plan, die hinter zuviel Bewegung in den Begriffen sogleich Haltungsschäden wittern. Gefährlich erscheint ihnen beispielsweise die massenhafte Aussprache der kurzen Silbe "Cent". Sie wurde bisher fast anstandslos mit einem anglophonen weichen "S" am Anfang gesprochen. Dieses aber stößt bei Herrn Professor Krämer in Münster auf Empörung: "Hierin sehen wir die würdelose Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur."

Und Kultur! Professor Krämer ist Vorsitzender des "Vereins Deutsche Sprache", von dem wir nun dank unserer Deutschen Presseagentur aus Münster erfahren. Wir sollten würdevoll "Zent" sagen, weil der Cent "im deutschen Zehnten wurzelt". So der Krämer-Verein. Weil der Cent aber nur ein Hundertstel unseres Euros ist, haben wir bei ihm weniger an ein deutsches Zentrum als an das lateinische "centum" (hundert) gedacht. Hierzu hätte ich nun gerne meinen (leider verstorbenen) Latein- und Griechischlehrer Prof. Stengel befragt. Professor Stengel, der ganz apfelrund war und selbst in der größten Sommerhitze seinen schwarzen Anzug mit grauer Weste trug und als altphilologischer Katholik die Weltnachrichten aus einer lateinischen (!) Wochenzeitung des Vatikans erfuhr, er hatte uns einst lückenlos etymologisch erklärt, warum die Römer Caesar gar nicht Caesar genannt hätten. Sondern Kaesar! So Stengels keterum kenseo.

Dann hieße der Cent vielleicht: Kent. Das wäre leichter als Zent - zumindest für Berliner Zungen, da diese auch schon nüchtern vom "Sentrum" oder "Sement" reden. (Womöglich gab es deshalb in den harten Teilen der Hauptstadt immer mehr Betonköpfe als Zementbirnen ...) Wir jedoch sind lieber stabil liquid mit einem weichen Cent als mit einem zackigen Zent. Bisher ist das auch Konsens. Doch selbst dieser wankt. Gestern hieß er, latein-deutsch, noch allgemein Konséns. Neuerdings aber reden Kónsorten vom "Kónsens" - wie ein Kómplex, der uns pérplex machen müsste. Und jetzt auch noch beim Kleingeld: die Konsonanten-Frage. S oder Z. Als ginge es um Zein und Seit.

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