Kultur : Zeit der Götter: Die Rollings Stones im privaten Gegenlicht

Christian Schröder

Wahrscheinlich waren das die besten Jahre der Rolling Stones: Als sie noch nicht als „größte Rock’n’Roll-Band der Welt“, sondern bloß fünf Jungs aus London waren, die Rhythm & Blues spielten und dabei verdammt gut aussahen. Gered Mankowitz hat die Stones von 1965 bis 1967 als eine Art inoffizieller Hoffotograf begleitet. Ihre Musik klang noch sehr roh und unbehauen, und diese Archaik ist auch auf Mankowitz’ Bildern zu spüren, die jetzt, passend zur Europa-Tour, erstmals in Buchform erscheinen. Es sind grobkörnige Aufnahmen aus einer Ära, in der Pop noch nicht in den Hochglanzmagazinen angekommen war, gerade die Überbelichtungen und Unschärfen scheinen die Authentizität der Musik zu belegen, um die es hier geht.

Die ersten Bilder des Bandes zeigen die Stones 1965 nach ihrer Ankunft auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen, im gleißenden Licht, das durch die Fenster ihres Cadillacs fällt, sehen sie wie Götter aus, die vom Himmel herabgestiegen sind. „Es war eine Zeit, in der es einfach war, brillant zu sein, und so schwer, durchschnittlich zu sein“, schreibt der Stones-Entdecker Andrew Loog Oldham im Vorwort. „Unser größtes Talent war vielleicht die Kunst, jung zu sein.“ Die Stones waren Anfang, Mitte 20, auf einigen von Mankowitz’ Fotos wirken sie bubenhaft.

Keith Richards hat sich einen Cowboyhut und ein Gewehr gekauft und versucht, wie Billy the Kid zu gucken. Charlie Watts pinkelt backstage in ein Waschbecken. Mick Jagger springt so wild über die Bühne, dass sein Gesicht bloß noch schemenhaft zu erkennen ist. Nur Brian Jones wirkt so entrückt, als ob er schon ahnen würde, dass er nicht alt wird. Mankowitz war selber erst 18, als er zu den Stones stieß. Für seine erste Session steckte Mankowitz die Stones in ein käfigartiges Gebilde auf einer Baustelle, eine Anspielung auf ihr animalisches Image.

In Wirklichkeit waren die Stones nicht ganz so wild, der Fotograf lobt, sie seien „nett und kein bisschen launisch oder schwierig“ gewesen. Von Mankowitz stammen die Coverfotos für die Alben „Out Of Our Heads“ und „December’s Children“, sein Meisterwerk ist ihm für „Between The Buttons“ gelungen. Morgens um fünf war er mit der Band im Anschluss an Plattenaufnahmen auf den Londoner Primrose Hill gefahren. Sein Kameraobjektiv hatte er mit Vaseline eingerieben, damit die Konturen im diffusen Morgenlicht noch stärker verschwimmen. „Es sah so aus, als könnte sich die Band in Luft auflösen“, schreibt Mankowitz. „Das war weit entfernt von den aalglatten Fotos, auf denen ständig nur gelächelt wird.“ Ein Geisterporträt.

Gered Mankowitz: The Rolling Stones 1965–1967, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, 29,90 €.

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