Kultur : Zeit ist, was nach dem Ende kommt

SIMONE MAHRENHOLZ

Man muß bei diesem Film über Sergiu Celibidache schon zu dem greifen, was die Psychologen "paradoxale Verhaltensverschreibung" nennen.Gehen Sie in den Film! Aber geben Sie sich nicht der Hoffnung hin, sich ihm hingeben zu können.Das Werk des Filmemachers Serge Celebidachi, Jahrgang 68, über seinen Vater, den Dirigenten, lebt von seinem schillernden Sujet, scheitert aber in der denkbar unelegantesten Form an seinem Material.Man muß schon zweieinhalb Stunden sehr wach und aktiv bleiben, will man ihn goutieren und daraufhin abgrasen, was er über Musik im speziellen, das Leben im allgemeinen und die Person Celibidaches im Angebot hat.Daß er etwas hat, dafür sorgt "Celi" dann doch.

Fans des 1996 verstorbenen "Musik-Phänomenologen" erinnern sich noch an das gelungenere, vom ZDF produzierte Porträt Jan Schmidt-Garres: zum 80.Geburtstag des rumänischen Dirigenten mit deutschem Paß - einer Persönlichkeit, die wohl die Musikgeschichte umgeschrieben hätte, wäre wie erwartet sie und nicht Karajan 1954 als Nachfolger Furtwänglers Chef der Berliner Philharmoniker geworden.Allein, der scharf kritisierende Exzentriker mit den überlangen Proben und der unkommerziellen Ablehnung von Plattenaufnahmen muß schon damals eine polarisierende Persönlichkeit gewesen sein: Zischen dezidierter Abneigung und Verfallen blieb da nicht viel."Ich dachte, wo der geht, ist hinterher ein Loch in der Erde" - Originalton des Münchner Orchestervorstands Joerg Eggebrecht über seine erste Begegnung mit dem "unendlich charmanten Mann", der ab 1979 die Münchner Philharmoniker zu Weltruhm führte.

Celebidachi filmt Celibidache: leider keine Begegnung unter einem künstlerisch glücklichen Stern.Der Sohn läßt keinerlei Verständnis für Musik erkennen, geschweige denn ein Konzept zum Verhältnis von Bild- und Klangkunst.Meist filmt er den Vater in Großaufnahme - vor seinem Orchester, mit seinen Studenten.Schwant ihm zyklisch, daß das wache, androgyne Hexengesicht optisch allein nicht abendfüllend ist, kommen sehr unvermittelt Naturimpressionen hinzu.Schwäne im Zwielicht.Enten beim Bade.Hunde aus dem Celibidache-Clan.Und Handkamerafahrten, die seekrank machen.Seltsamer Zug für einen Sohn: Der ganze Film schmeckt verdächtig nach kritikloser Idolatrie.Sehr unödipal.Liegt es daran, daß zwischen beiden altersmäßig nicht eine, sondern zwei Generationen liegen und Großväter und Enkel meist kompatibel sind?

Doch wie heißt es bei Harold Brodkey? Charakter überspringt eine Generation.Celibidache hatte so viel Charakter, daß er seine Umgebung in Grund und Boden versengen konnte: bis zur Lächerlichkeit.Davon zeugte der Film Schmidt-Garres, und davon zeugt dieser genauso.In einer der ersten Einstellungen sehen wir Celibidache beim Dirigierkurs - welcher immer auch philosophisch-phänomenologische Züge hatte.Im Hintergrund stehen die Jungen zusammen wie ein Pulk Enten und vollführen synchron Dirigiergestik zu Mozart.Derweil sitzt der gebrechliche Maestro im Stuhl, hellwach, einen Mutigen in der Mitte im Visier, der seine erschütternd schüchternen Bewegungen vor Musikern macht."Wovor hast Du Angst?", fragt der Maestro einmal.

Und hier wird es interessant.Celibidache und seine Tätigkeit sind in der Tat paradox.Sein Credo als Lehrer ist Freiheit.Seine Präsenz und sein Intellekt erzeugen Hemmung.Sein Credo ist: "Du kannst nicht verlorengehen, solange du die Wirklichkeit nicht intellektuell entstellst".Ja, das ist so ein Satz, für den man schon mal ein Kino aufsucht! Und doch krausen sich die Eleven-Oberstuben bedenklich, wenn der Meister seine verbalen Paradoxa konstruiert und den Schülerhirnen zum Fraß vorwirft wie Fleischbrocken seiner Hundemeute in einer erhellenden Gartenszene."Du kannst nicht einfach an deiner Persönlichkeit kleben, Du mußt den Sinn für Unsinn entwickeln!", rät er rauh einem Schüler, eine anmutig unparadoxe Verhaltensverschreibung, doch die Jungen zappeln im Netz einer Persönlichkeit, die von der bewundernden Wortnot ihrer Gegenüber sichtbar ebenfalls lebt.Ein stabiles Biotop.Die Lehre, sein eigenes Strömen ist ihm sichtlich alles.

Von ihr profitiert der musikinteressierte Kinogänger hier trotz aller filmischer Molesten ebenfalls.Zu hören sind Bruckner, Mozart und etwas Bartók, leider präsentiert in dramaturgisch ungeschicktem Stückwerk - die besten Stellen auch der Rede werden oft verschnitten, musikalische Sätze kommen nie vollstandig.Der Ton von nur einem Mikrophon ist angeblich exzellent - in der Pressevorführung war er verzerrend eingestellt.Inhaltlich geht es viel um musikalische Zeit: etwa über Tempi in der Musik und über das Zusammenfallen von Anfang und Ende."Zeit ist das, was nach dem Ende kommt", sagt Celibidache über Bruckner, wird dabei ganz sanft, und man fragt sich, woher oft diese Anklänge an rasende Wut kommen, die hinter den Zügen dieses Gesichts lauern und der sein Geist die ganze Schärfe verdankt.Vielleicht auch immer noch von der Schlappe mit den Berliner Philharmonikern 1954.Insofern handelt der Film auch von Berlin und seiner menschlich-politischen Geschichte.

Im Cinema Paris

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