ZEIT Lupe (2) : Zur Bewährung ausgesetzt

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Zwischen den Jahren wendet sich die Zeit. Ein guter Moment, sich über sie Gedanken zu machen. Heute: die Probezeit.

Sie hat keinen guten Leumund. Jeder Vierte wird sie nicht bestehen, wissen Berufsstrategen und geben daher umfassende Tipps, wie man sich in 100 Tagen unentbehrlich macht. Zunächst das neue Terrain erkunden, dann anpassen an die Gegebenheiten und schließlich voll integriert sein, wie der Geschirrspüler in einer Einbauküche. Die Probezeit ist die Geißel werdender Arbeitsplatzinhaber. Als Probekörper ins berufliche Gravitationsfeld katapultiert, sehen sie sich bis zu sechs Monate lang Beunruhigungen jeglicher Art ausgesetzt. Dabei soll die Probezeit dazu dienen, Eignungen festzustellen – sowohl die des Arbeitnehmers wie des Brötchengebers. Erscheinen sie nicht ausreichend, können beide Seiten sich ohne große Worte und Fristen wieder voneinander trennen. Mehr steht nicht zu befürchten, würden Probezeiten insgeheim nicht durch immer neue befristete Arbeitsverhältnisse ausufern. Das daraus resultierende Gefühl eines nicht enden wollenden Aufdieprobegestelltseins erscheint uns nur schwer erträglich.

Die Profis des Probierens haben sich daher strenge zeitliche Rahmenbedingungen zusichern lassen. Musiker packen ihre Instrumente ein, wenn die tägliche Orchesterprobenzeit überschritten ist, auch wenn der Dirigent gerne noch weiter an einem Übergang feilen würde. Nach Jahren des Vorspielens und der Probezeit beanspruchen sie die Herrschaft über einen wesentlichen Teil ihres Arbeitslebens zurück. Auch weil in ihren Proben gelten soll, was sonst in der Probezeit ein absolutes Tabu ist: Es soll krachen, knirschen, auch einmal nicht zusammenklingen. Die Kräfte der Musik wollen erspürt, erspielt, erprobt werden. Mit der Angst, dieser Zustand extremer Anspannung könne gar nie mehr aufhören, geht die Risikobereitschaft zurück. Manchmal wohl auch zu stark: Der amerikanische Dirigent John Axelrod schlug unlängst vor, Orchestermusiker sollten alle drei bis fünf Jahre probespielen, um ihren Vertrag verlängert zu bekommen. Der Aufschrei der nahezu komplett gewerkschaftlich organisierten Musiker wäre lauter als das dies irae beim viel diskutierten Alters-Tüv für Millionen hochbetagter Automobilisten.

„Das Leben ist keine Probe“, lächelt Simon Rattle silberlockig. Wir bleiben ihm ausgesetzt – zur Bewährung.

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