ZEIT Lupe (Finale) : „Wären alle Mädchen schön“

Heinrich Zschokke

Zwischen den Jahren wendet sich die Zeit. Ein guter Moment, sich über sie Gedanken zu machen. Heute zum Abschluss unserer kleinen Serie, nach Auszeit, Probezeit, Nachspielzeit und Unzeit: die besten Wünsche für die Neuzeit.

Jeder wünscht sich langes Leben,

seine Kisten voller Geld,

Wiesen, Wälder, Äcker, Reben –

Klugheit, Schönheit, Ruhm der Welt,

doch wenn alles würde wahr

was man wünscht zum neuen Jahr,

dann erst wär es um die Welt,

glaubt es, jämmerlich bestellt.

Lebten alle tausend Jahre,

was gewönnen wir dabei?

Kahle Köpfe, graue Haare

und das ew'ge Einerlei!

Im erschrecklichen Gedränge

ungeheurer Menschenmenge

würden Stadt und Dorf zu enge,

und die ganze Welt zu klein.

Niemand könnte etwas erben,

denn es würde keiner sterben;

und wer möchte Doktor sein?

Wäre jedermann so reich,

als wohl jeder wünscht zu werden:

Nun, dann würden wir auf Erden

uns, in Sorgen, alle gleich.

Da niemand des andern Bürde

künftig auf sich laden würde,

müßte jeglicher allein

sein höchsteigner Diener sein;

selber seine Strümpfe stricken,

möcht' er nicht gern barfuß gehn;

selber Rock und Hosen flicken

möcht' er nicht wie Adam stehen;

müßte kochen, braten, backen,

liebte er gesunde Kost.

Wäre er kein Freund vom Frost,

müßt' er selber Holz sich hacken.

Ständen alle ohne Mängel

wir hienieden schon, als Engel,

o wie wär’ es böse Zeit

für die liebe Geistlichkeit!

Wer denn könnte Pfarrer werden

in dem Himmel hier auf Erden,

wenn der Laie besser wäre

als die Predigt, die er hört?

Nur wo nötig ist die Lehre

– und sonst nirgends – hat sie Wert.

Advokaten gingen müßig;

Richter wären überflüßig;

und Dragoner und Husaren

wären überflüß'ge Waren.

Ach, in diesem Weltgetümmel

wüchse wieder neue Not,

denn es brächte unser Himmel

manchen braven Mann ums Brot.

Wären alle Mädchen schön,

und von außen und von innen

und vom Wirbel bis zum Zehn

zauberische Huldgöttinnen:

zu alltäglich, zu gemein

würden schöne Mädchen sein;

niemand würde auf sie blicken. –

Wäre alles Diamant,

was jetzt Kiesel ist und Sand,

niemand möchte sich drum bücken.

Jeder wünscht zum neuen Jahr.

Aber würde alles wahr,

dann erst wär’ es um die Welt,

glaubt es, jämmerlich bestellt!

Wollet Ihr die Welt verbessern,

(bloße Wünsche tun es nie,

Spiele sind’s der Phantasie!)

wollet ihr die Welt verbessern,

fange jeder an bei sich,

denn der Mittelpunkt der größern

Welt ist jeglichem sein Ich.

Dieses Ich wirft seine Strahlen,

einer innern Sonne gleich,

durch des Lebens weites Reich.

Wie es selber ist, so malen

sich die Dinge klein und groß,

prächtig oder farbenlos!

Heinrich Zschokke war zu Lebzeiten (1771–1848) ein berühmter Mann. Viel gelesen waren seine Romane und historischen Schriften. In jungen Jahren schloss er sich einer Wandertheatertruppe an und hatte Erfolg als Stückeschreiber. Später wurde er in seiner Schweizer Heimat sesshaft, bekleidete hohe politische Ämter, betätigte sich als Philanthrop und Freimaurer. Zur Feier des Tages drucken wir sein Gedicht „Neujahrswünsche“.

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