Zeit SCHRIFTEN : Das Licht um sechs Uhr morgens

Das "Magazin über Orte" untersucht ein Niemandsland namens Berlin - mit Fotografien und Gedichten

von

Nicht schon wieder Berlin, möchte man rufen. Nicht schon wieder dieses bereitwillig in alle Welt gesendete Bild, das diese Stadt in Reportagen so freigiebig von sich zu verschenken scheint: wahlweise hässlichkeitsprall mit romantischem Überschuss oder gleißend in mondäner Betriebsamkeit, als wäre Berlin nach den Prognosen des Senats nicht auch eine shrinking city mit beschleunigungsresistenten Zonen. Aber ist das, was das jüngste deutsch-englische „Magazin über Orte“ (9/2011, 12 €, www.orte-magazin.de) zumeist in Fotografien und Gedichten, aber auch einigen Gemälden und Prosatexten entwirft, überhaupt ein definiertes, mit eindeutigen Zuschreibungen belegtes Berlin – oder handelt es sich nicht vielmehr um ein fast menschenleeres Niemandsland, das sich dem Bewohntwerden verschließt?

Die visuellen Arbeiten unter den Beiträgen der insgesamt 73, teils namhaften Künstler (mit Gastauftritten von Jürgen Teller und Gerhard Richter) fallen überwiegend ins Genre der Architektur- und Industriefotografie. Sofern man überhaupt zusammenfassend über sie sprechen kann, geht es ihnen weder um Wiedererkennungs- noch um Verfremdungseffekte, sondern darum, städtische Orte in ihrer äußersten Neutralität festzuhalten: nicht im Moment ihrer größten Vergänglichkeit, sondern in dem ihrer vorübergehenden Ewigkeit.

Die Sachlichkeit, mit der auch das spannungsreichste Nebeneinander von Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen eingefroren wird, sucht nicht nach Melancholie. Die herausschälenden Signale von Röhren, Schildern und Gerüsten wollen niemanden anziehen oder abstoßen und die Brachen, Furchen und Schrunden der Stadt nicht als Verletzungen eines als intakt denkbaren Gebildes gelesen werden, sondern als ein Zusammenrücken grafischer Konstellationen in ihrer stärksten Zeichenhaftigkeit.

Sie betrachten urbane Texturen, angesichts derer schon die Farben, die der Dichter Jan Wagner in Neukölln entdeckt („ein firmament von glücksspielautomaten /die kleine nachtmusik der ambulanzen“), zu grell wirken, weshalb „das licht um sechs uhr morgens, die dinge / noch nicht ganz bei sich, oder ganz sie selbst“ viel plausibler wirkt: „das licht aber floss durchs fenster herein. / hob uns aufs nächsthöhere niveau.“

Das von den Fotografen Elmar Bambach, Julia Marquardt und der Grafikerin Birgit Vogel zweimal pro Jahr herausgegegebene „Magazin über Orte“ erscheint seit dem Frühjahr 2007 und hat seine so konkrete wie abstrakte Sachlichkeitsästhetik schon an den Themen Küche, Alexanderplatz, Park, Schreibtisch, Tatort, Zuhause, Meer und Paradies erprobt – immer im Zusammenspiel mit exquisiten literarischen Texten und gedruckt auf Revive Pure Natural, einem matten Papier, das allein sich schon gegen jede Hochglanzwelt abgrenzt.

So funktioniert es nur als Printprodukt, was man vom Onlinearchiv der bei S. Fischer erscheinenden „Neuen Rundschau“ (www.neuerundschau.de), die zum 125-jährigen Jubiläum des Verlags unter anderen Georges-Arthur Goldschmidt, Felicitas Hoppe, Sjøn, Reiner Kunze und László Krasznahorkai zur mehr oder weniger literarischen Gratulation an die Verlegerlegende eingeladen hat (3/2011, Einzelheft 12 €), nicht behaupten kann.

Seit kurzem sind alle seit 1890 erschienenen Hefte dieser historisch bedeutsamen Zeitschrift in einer zweifellos kostspielig eingerichteten Datenbank per Volltextsuche zugänglich: Die Jubiläumsausgabe erzählt prägnant von den geistesgeschichtlichen Umbrüchen, die sich in der „Neuen Rundschau“ spiegelten – und es berichtet über die glücklich gelösten Herausforderungen der Digitalisierung.

Doch das Geschäftsmodell sollte der Verlag noch einmal überdenken, zumal auch Bibliotheken die „Neue Rundschau“ halten. Im Moment lassen sich auch längst gemeinfreie Artikel nur im 98 Euro teuren Jahresabonnement lesen, das sich bei Bezug des Heftes um 20 Euro ermäßigt. Einzelne Texte kann man gar nicht kaufen, sie lassen sich über einen drei Monate lang kostenlosen Ad-hoc-Zugang nur recherchieren und eine Seite lang lesen. Das geht sowohl an den Bedürfnissen eines akademischen als auch bildungsbürgerlichen Publikums vorbei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben