Zeit SCHRIFTEN : Der Leib ist weiser als man selbst

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Sie war 50, als ihr Denken noch einmal eine entscheidende Wendung nahm, und sie war 70, als sie sich vor dem Mann, der ihr dazu verholfen hatte, öffentlich verneigte. „Mein Dank an Freud“, Lou Andreas-Salomés „Offener Brief“ zum 75. Geburtstag ihres psychoanalytischen Lehrers, blieb ihre letzten Veröffentlichung zu Lebzeiten. Die gut 100-seitige Schrift (www.archive.org), 1931 in Wien erschienen, ist eine berückend kluge Darstellung jener „Tiefenforschung“, die ihr ein Selbstverständnis gewährte, nach dem sie lange vergeblich gesucht hatte. Und es ist ein gedanklich wie stilistisch verästelter Essay, der glanzvoll das Dichterische demonstriert, das Sigmund Freud bei ihr am Werk sah, während er es wissenschaftlich gebändigt zu haben glaubte. Um was geht es hier nicht alles: um die Definition des Weiblichen; die Folgen erotischen Überschwangs; die Unterschiede zwischen Tier- und Menschenliebe; um Glauben und Frömmigkeit, die sie gegen den ihr einst verfallenen Nietzsche verteidigt; oder um das Schöpferische bei Rainer Maria Rilke, den sie als Geliebten bereits 1901 entsorgt hatte, als Freund aber bis zu dessen Tod 1926 behielt.

Andreas-Salomé hatte Freud im Schlepptau des schwedischen Nervenarztes Poul Bjerre kennengelernt. Im September 1911 nahm der 15 Jahre Jüngere, rettungslos verliebt, Lou zum dritten Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft nach Weimar mit. Ein knappes Jahr später war die Beziehung mit Bjerre beendet, das platonische Meister-Schülerin-Verhältnis zu Freud aber florierte.1915 eröffnete sie in Göttingen ihre erste psychoanalytische Praxis.

Viktor von Weizsäcker (1886–1957), der Begründer der Medizinischen Anthropologie, hatte Freud 1926 kennengelernt. Aber erst Lou Andreas-Salomés Schrift eröffnete ihm ein Verständnis von Psychoanalyse, das sich in seine Forschungen einbauen ließ. Er beschloss, der Autorin zu schreiben, die in Göttingen, wo er sie später auch besuchte, „das geheimnisvolle Leben einer Sibylle unserer Geisteswelt“ führte, wie es in seiner Autobiografie „Natur und Geist“ heißt.

Von der knapp einjährigen Korrespondenz, die das jüngste Heft von „Sinn und Form“ (5/2012, 9 €) zusammen mit einem kompakten Aufsatz von Peter Achilles erstmals veröffentlicht, sind nur Weizsäckers Teile erhalten. Der eine Satz aber, den Weizsäcker erinnert, nämlich dass Lou Andreas-Salomé „bei allen bewunderungswürdigen Erfolgen dieser Psychologie immer das Gefühl gehabt (habe), das größere Geheimnis sei noch der Leib“, fasst zusammen, worin beider große Gemeinsamkeit bestand. „Man sah“, schrieb er über den „Dank an Freud“ erleichtert, „dass man das, was wahr ist an einer Lehre, auch in andere Sprachen übersetzen kann.“

Weizsäcker war, so Achilles, „die Überbrückung des Grabens zwischen Organmedizin und Psychotherapie“ misslungen. Aber er arbeitete an einem „psychophysischen Komplementarismus“, den er selbst als „Drehtürprinzip“ betrachtete. Krankheit wollte er nicht als umgewandelte Triebenergien, sondern als eine „Wandlung im Lebensgeschehen“ verstehen. „An die Stelle der Analyse des Seelischen mit gelegentlichen Übergriffen aufs Körperliche“, erklärt Achilles, „tritt eine ganz und gar psychophysische, biografische Medizin.“ Und er folgert: „Im Ansatz entspricht Weizsäckers Konzeption des Gestaltkreises Lou Andreas-Salomés philosophisch inspirierter Idee von der Allverwobenheit und komplementären Einheit des Organismus als Leib und Seele.“

„Sinn und Form“ setzt mit den Weizsäcker-Briefen einen Themenstrang rund um die Medizinische Anthropologie fort, der vor einem Jahr in einem Gespräch mit dem Epileptologen Dieter Janz über die narrative Erschließbarkeit von Krankheitsgeschehen einen vorläufigen Höhepunkt fand. Hier kommt nicht weniger prägnant sein früherer Lehrer zu Wort: „Der Leib ist weiser als man selbst; aber wenn man ihn so direkt anspricht, zieht er sich zurück. Legt man sich in ihn hinein, dann kommen die schlimmsten Sachen. Zwischen den beiden Extremen hilft nur geduldiges Sammeln von kleinen Zeichen des Organ-Sinnes und da ist dann ein langer, langer Weg, den wir als unbekannter Soldat wandern müssen.“

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