Zeit SCHRIFTEN : Die Wunde und der Bogen

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An der 82. Straße der Upper East Side, auf halbem Weg zwischen Metropolitan Museum und East River, befindet sich seit 1931 das New York Psychoanalytic Institute. Es beherbergt die im Februar vor genau hundert Jahren gegründete psychoanalytische Gesellschaft, die mit über 40 000 Titeln weltgrößte Bibliothek psychoanalytischer Literatur, die Brill Library, und seit Juni 2003 im dritten Stock das Philoctetes Center für die multidisziplinäre Untersuchung der Einbildungskraft. Doch keine Angst: Man muss weder Patient noch Wissenschaftler sein, um hier einzutreten, geschweige denn ein Angehöriger der Zunft. Selbst wer sich in psychoanalytischen Kreisen unbehaglich fühlt, wird bei den Roundtable-Diskussionen von Philoctetes nur die Luft freien Denkens spüren. Und das Beste ist: Man braucht dafür nicht einmal ein Ticket nach New York. Auf www.philoctetes.org sind fast alle Veranstaltungen als Video archiviert.

Es dürfte wenig Orte geben, an denen ein- bis zweimal wöchentlich auf dem aktuellen Forschungsstand lebendiger, kenntnisreicher und unprätentiöser über die Geheimnisse der Kreativität gesprochen wird. Denn der Ehrgeiz des Zentrums liegt darin, die Welten von Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, deren Auseinanderbrechen C. P. Snow in seinem legendären Essay „Die zwei Kulturen“ beklagt hatte, einander wieder anzunähern, ohne sie zwanghaft in einer Third Culture zu verschmelzen.

Das Ziel ist, so die Direktoren Francis Levy und Edward Nersessian, die Begegnung von mind – Geist, Psyche, Seele – und chemisch-physiologischem brain im Namen von imagination: Einbildungskraft, Vorstellungsvermögen, Fantasie. Dabei treffen Neurowissenschaftler auf Kunstkritiker, Mathematiker auf Theologen, Musiker auf Analytiker, Schriftsteller auf Genetiker: alles ausgewiesene Vertreter ihrer Disziplin. Filmisch bleibt es schlicht: talking heads auf der zusammengewürfelten Sitzgruppe eines Raums, dessen seminaristischer Charme nur von der thematisch jeweils sorgfältig ausgewählten Kunst an den Wänden herausgefordert wird. Aber welcher Esprit explodiert hier mit schöner Regelmäßigkeit. Hier herrscht weder universitäre Ödnis noch die Unverbindlichkeit von Talkshows, sondern ein Interesse am Gegenstand, von dem der Laie nicht weniger profitiert als der hochmögendste Professor. Denn auch er wird über die Grenzen seines Fachs hinausgetragen.

Worüber hat man bei Philoctetes nicht schon alles debattiert: über Vegetarismus und Weltgewissen, die Ästhetik der Graphic Novel, die Ursprünge der Tragödie, die Ideengeschichte des Paralleluniversums, die Kunst des Sonetts und Social Networking, Mathematik und Schönheit, Hamlet und Star Wars, Placebos, True Crime und die Absurditäten unseres Realismusbegriffs, den Zusammenhang von Alterung und Kreativität, über Jazz und Bob Dylan und die Selbstinszenierungen von Susan Sontag, die Ausbildung von Geschmack und Suchtverhalten, die psychobiologischen Voraussetzungen von Gewalt in der Großstadt oder kriegerische Aggression. You name it.

Die mythische Figur, die das Center beansprucht, den nach einem Schlangenbiss mit einer stinkenden Wunde auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktet, ist wenig populär. In Deutschland hat ihm zuletzt Heiner Müller mit einer Neuinterpretation der gleichnamigen sophokleischen Tragödie die Ehre erwiesen. Auf der Upper East Side aber denkt man zunächst an Edmund Wilson, das Urgestein der zeitgenössischen amerikanischen Literaturkritik. 1941 deutete er in „The Wound and the Bow“ (www.archive.org) Philoktets Geschichte als Fabel über den menschlichen Charakter schlechthin. Wilson liest die Wunde als Zeichen einer seelischen Grundversehrtheit und Philoktets Verfügungsgewalt über Bogen und Giftpfeile, die allein den Ausgang des Trojanischen Kriegs entscheiden können, als Ausweis der unaufhebbaren Doppelidentität von sozialer Marginalisierung und künstlerischer Meisterschaft.

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