Zeit SCHRIFTEN : Dostojewskis Zuckungen

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Der gesunde Menschenverstand ist um psychosomatische Blitzdiagnosen nie verlegen. Ein Magengeschwür? Kein Wunder bei diesem übertriebenen Ehrgeiz! Eine Muskellähmung? Was der oder die nicht alles in sich hineingefressen hat! Eine Krebserkrankung? Soviel aufgestaute Trauer hätte jeden zerstört! Kaum jemand dürfte auf Anhieb die Obszönität empfinden, die Susan Sontag in der Deutung von „Krankheit als Metapher“ sah – auch wenn küchenpsychologische Kausalerklärungen die Komplexität pathologischer Vorgänge naturgemäß unterschätzen.

Warum also wollte ausgerechnet eine Schriftstellerin, die selber gerade von einer ersten schweren Brustkrebserkrankung genesen war, Physis und Psyche so strikt voneinander trennen? Die Entschiedenheit, mit der sie gegen Georg Groddeck, den Pionier der Psychosomatik, und gegen den Orgon- und Orgasmustheoretiker Wilhelm Reich polemisierte, war in der Zurückweisung individueller Schuld allzu berechtigt: Moralisierende Betrachtungsweisen, gar Vorstellungen von Strafe und Schande, sind nicht nur im Interesse einer raschen Rekonvaleszenz wenig hilfreich. Mindestens so schädlich dürfte es jedoch sein, dem lebensgeschichtlichen Zusammenhang überhaupt keinen Sinn beizulegen.

Man muss bei einem Plädoyer für den von Arzt und Patient gemeinsam zu interpretierenden Text der Krankengeschichte nicht so weit gehen wie Walter Benjamin, der in einem seiner Denkbilder fragt, „ob nicht die Erzählung das rechte Klima und die günstigste Bedingung manch einer Heilung bilden mag. Ja ob nicht jede Krankheit heilbar wäre, wenn sie nur weit genug – bis an die Mündung – sich auf dem Strom des Erzählens verflößen ließe? Bedenkt man, wie der Schmerz ein Staudamm ist, der der Erzählungsströmung widersteht, so sieht man klar, dass er durchbrochen wird, wo ihr Gefälle stark genug wird, alles, was sie auf diesem Wege trifft, ins Meer glücklicher Vergessenheit zu schwemmen.“

Aber der Verzicht auf jeden tieferen Austausch über die menschliche Not, wie ihn die schulmedizinische Anamnese leistet, weil sie Daten und Fakten nur schematisch erhebt, wie es der 1920 geborene Berliner Neurologe und Epilepsieforscher Dieter Janz in einem vielschichtigen Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt und Matthias Weichelt in „Sinn und Form“ (www.sinn-und-form.de, 2011/2, 9 €) beklagt, reduziert den Kranken eben von einem Jemand zum Etwas.

Dieter Janz, eine herausragende Gestalt der anthropologischen Medizin nach Viktor von Weizsäcker (1886 – 1957), unternimmt in diesem Gespräch, das von einer Predigt über „Jesu Begegnung mit einem Vater und seinem epileptischen Sohn“ aus dem Markus-Evangelium begleitet wird, eine tour d’horizon durch sein Leben und Werk. Eindrücklich führt er aus, dass quasiliterarische Interpretation und naturwissenschaftliche Analyse einander weder ausschließen noch um jeden Preis zusammengeführt werden müssen: „Das Wahre ist das Wirksame“, sagt er und warnt vor einer Heilung als restitutio ad integrum: „Gesundung ist keine Wiederherstellung.“

Ergänzend empfehlen sich Texte, die auf der Website der Weizsäcker-Gesellschaft (www.viktor-von-weizsaecker-gesellschaft.de) zu finden sind. Wie hier skizziert wird, was es bedeutet, im „Umgang“ mit dem Menschen und seiner „unhintergehbaren Selbstverborgenheit“ der Krankengeschichte einen „Sinn“ abzulauschen, das rückt die Methode weg von theistischen Versuchungen, wie sie Viktor M. Frankls Logotherapie bediente. Besonders ein Janz gewidmeter Essay des Medizinhistorikers Rainer-M. E. Jacobi schlägt den Bogen hin zur Hermeneutik von Gadamer und Paul Ricœur.

Mit welcher Selbstverständlichkeit das Janz-Gespräch sich in „Sinn und Form“ einfügt, zeigen spätestens die Dostojewski-Passagen. Janz hat, wie sein klinischer Lehrer Paul Vogel, den selbst schwer epilepsiegeplagten Dostojewski als Phänomenologen der Krankheit ernst genommen und etwa Fürst Myschkin im „Idioten“ als besonders auskunftsfähigen Patienten angehört, um sein Hauptwerk „Die Epilepsien. Spezielle Pathologie und Therapie“ zu schreiben – Wissenschaft auf den Schultern der Literatur.

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