Zeit SCHRIFTEN : Gletsch und Übergletsch

Die Gretchenfrage für ein fahrendes Volk wie das der Schriftsteller lautet heute offenbar: Wie hältst du’s mit der Bahn? Zu keiner produktionsästhetischen Problemzone äußern sich die 19 Beiträger und Befragten, die in der jüngsten Ausgabe von „Sprache im technischen Zeitalter“ (Nr. 208, Böhlau Verlag, Einzelheft 14 €) dem Verhältnis von „Orten und Worten“ nachsinnen, entschiedener. „Noch nie“, behauptet etwa Thomas Klupp, „ist jemals auch nur eine gute Zeile im ICE geschrieben worden. AutorInnen, die im ICE schreiben, sind in der Regel sterile, fade, völlig uninteressante AutorInnen, die sterile, fade, völlig uninteressante Texte schreiben. Buchhalterprosa at best. Im ICE zu schreiben, ist eine literarische Bankrotterklärung.“

Man kann sich leicht vorstellen, was es heißt, „Auge in Auge mit dem Skatclub aus bei Bielefeld / dem Proseccotrüppchen aus bei Villingen-Schwenningen im ICE“ zu sitzen, wie es Marcel Beyer fürchtet. In ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit dürfte Klupps charmante These aber nicht nur einer empirischen Grundlage entbehren. Ihr Hauptmakel besteht darin, dass sie die Inspirationskraft von Schreiborten aus dem Abschreckenden heraus definiert – und damit ebenso magieverfallen auftritt wie der Glaube an einen freundlicher gesonnenen Genius Loci.

Klupps ICE ist Teil einer Privatmythologie, wie es der Geruch verfaulender Äpfel war, auf deren rituellen Zauber angeblich Schiller vertraute. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass Sasa Stanisic zugibt, er schriebe zur Not auch in der S-Bahn mit dem Notebook auf den Knien, und Verena Güntner zwei Seiten lang die Vorzüge des Bahnfahrens im Konkreten wie Metaphorischen auslotet. „Zugtexte sind die besten Texte“, erklärt sie. „Deshalb haben Züge keinen Rückwärtsgang. Damit wir darin schreiben können, sagst du.“

Falls sich aus diesen widersprüchlichen Auskünften überhaupt ein Schluss ziehen lässt, dann der, dass Schreiben gleich welchen fiktiven oder dokumentarischen Gehalts an einem Übergangspunkt zwischen der Wirklichkeit eines gegebenen Ortes und der Imagination des Stoffs stattfindet. „Die Bewegung, die für meine Recherchen so wichtig ist, die Fahrten mit dem Rad oder das Erkunden eines Geländes im Gehen“, notiert der Dichter Nico Bleutge, „das Wieder-und-wieder-Durchqueren der Sprache, all diese rhythmischen Muster und Brüche – wie vertragen sie sich mit der Statik des Schreibens?“

In einem der schönsten Texte des Hefts spinnt Felicitas Hoppe („keine Zeile in Zügen“) dieses Transitverhältnis mit Hilfe einer Anekdote des amerikanischen Kinderbuchautors Dr. Seuss gleich mehrfach aus. Er gab an, seine Ideen im Schweizer Wallis zu entwickeln, wo er alle vier Sommer erst einen Ort namens Gletsch aufsuche, um dann im höher gelegenen Übergletsch, einem ansteckend skurrilen Dorf, seine Kuckucksuhr reparieren zu lassen. „Auf der Suche nach Orten des Schreibens findet sich zwar Gletsch“, entdeckte Hoppe, „nicht aber Übergletsch auf den Karten, was den Schreibort präzise als das bezeichnet, was er in Wirklichkeit ist, schönste und reinste Erfindung. Übergletsch existiert nur, weil es Gletsch gibt. Aber was wäre Gletsch ohne Übergletsch!“

Wo von Schreiborten die Rede ist, darf von Publikationsorten nicht geschwiegen werden. Sie entscheiden, gleich ob auf Papier oder in Pixeln, letztlich genauso wenig über die Textgestalt. Darin sind sich alle Beteiligten erstaunlich einig. Nur Ingo Schulze räumt ein, dass bei digitalen Veröffentlichungen die Versuchung groß sei, „nicht zu kürzen und weniger an dem Text zu arbeiten, denn ich ertappe mich immer wieder dabei, zu denken: Naja, das wird ja nicht gedruckt. Aber der digitale Text hängt oder besser klebt einem fürchterlich beharrlich an. Ich dachte schon oft: Warum lest Ihr denn das und dafür nicht das! Warum immer wieder dieser nebensächliche, unausgereifte Text?“

Problematischer sind sicher die Orte des Lesens. Solange es um die Entstehung von Literatur geht, sollte man aber ruhig Annett Gröschner folgen: „Eigentlich“, sagt sie, „kann ich überall schreiben. Nur eben nicht überall gleich gut.“ Für sie war ausgerechnet der Zug ein Arbeitshimmel: Ein Jahr lang besaß sie sogar einmal eine BahnCard 100.

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