Zeit SCHRIFTEN : In der Nacht der lebenden Toten

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Für einige besonders müde Exemplare des menschlichen Geschlechts ist die Sache klar. „Lieber Zombie als Cyborg!“, ruft der Wissenschaftshistoriker Heiko Stoff zum Schluss seines Essays „Die schlurfenden Massen“, als läge in der Rebellion schwer lädierter, vor sich hinmodernder Untoter gegen die Ordnung der Dinge auch nur ein Gran mehr Hoffnung als in der Angepasstheit künstlich hergestellter, auf athletischen Hochglanz polierter Humanoider. Doch selbst wenn wir, prämortal oder postmortal, die Wahl zwischen Zombie und Cyborg hätten, das Ergebnis würde keine Rolle spielen. Das Unglück von Zombies, die sich durch einen völligen Mangel an Bewusstsein auszeichnen, lässt sich nicht höher bewerten als das mögliche Glück der ihrer selbst ebenso unbewussten Cyborgs.

Sarah Juliet Lauro und Karen Embry, die Autorinnen des „Zombie Manifesto – The Nonhuman Condition in the Era of Advanced Capitalism“ (boundary2.dukejournals.org/cgi/reprint/35/1/85.pdf) haben ganz recht mit der Feststellung: „Wenn wir wirklich in den posthumanen Zustand eintreten, werden wir es nicht einmal wissen.“ Solange wir uns mit spürbarem Schaudern und Entzücken in den Figuren von Zombie und Cyborg spiegeln, könnte man sich wenigstens einbilden, dass es noch nicht so weit ist.

Der Hybrid aus Organismus und Maschine, von dem Donna Haraways berühmtes „Cyborg Manifesto“ (www.hermeneia.ch/cyborgmanifesto.pdf) fantasierte, war noch positiv besetzt: eine im Namen der (feministischen) Emanzipation entworfene Gestalt. Der neuerdings in Mode gekommene Zombie aber ist die Vogelscheuche eines Zeitalters der biopolitischen Verdüsterung. Was am Cyborg utopisch war, ist am Zombie dystopisch.

„Das Magazin der Kulturstiftung des Bundes“ hat den „Untoten“, die im kommenden Mai ein Festival der Hamburger Kampnagel Fabrik „zwischen Life Sciences und Pulp Fiction“ heimsuchen werden, nun einen anregenden Schwerpunkt gewidmet (Herbst/Winter 2010, Nr. 16, Bestellung gratis unter www.kulturstiftung-bund.de). Von ethnologischen und filmhistorischen Aspekten schlägt das mit einem Zombie-Comic nach einer Geschichte von Dietmar Dath großzügig illustrierte 36-seitige DIN-A3-Heft den Bogen zu der jüngsten philosophischen Diskussion, die sich aus der rapiden Technisierung und Ökonomisierung unseres Lebens und Sterbens zwischen Präimplantationsdiagnostik und Transplantationsmedizin ergeben hat. Insbesondere Petra Gehring unternimmt eine tour d’horizon durch die Theorien, die an der fragwürdigen Leitdifferenz von Natürlichkeit und Künstlichkeit operieren.

Und doch ist das Thema schon älter. Der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl erinnert in einer klugen Analyse von Franz Kafkas Text „Die Sorge des Hausvaters“, der von einer belebt-unbelebten Zwirnspule namens Odradek erzählt, an die Lemuren in Goethes „Faust“, Teil zwei. „Nimmt man das als eine Urszene des Zombies, dann kann man sagen, sie tauchen als Erschöpfungsfiguren auf. Sie sind eigentlich als Überreste in einem beginnenden energetischen Zeitalter gedacht und führen den Lebenden jene Kräfte vor, die an diesem Leben parasitär zehren. Sie sind weder Gespenster, d. h. Zeugen vergangener Versäumnisse, noch sind sie Monster, d. h. ein ,widernatürliches‘ Leben, das alle Klassifikationen sprengt, sondern sie sind im Grunde das Leichenhafte des eigenen Lebens, das sich an einen klammert. Und damit Verbrennungs- oder Abfallprodukte, eine Erinnerung daran, dass die Lebenden im energetischen Zeitalter ihren eigenen Tod produzieren, während sie glauben zu leben.“

Lemuren und Zombies, könnte man sagen, sind demnach Metaphern der Selbstwahrnehmung – und der Beschreibung von Dritten. Wir erleben einander auch in dieser nachmetaphysischen Epoche nun einmal als beseelt oder seelenlos, bei allen Einschränkungen, die wir über die physische Konstitution von Bewusstsein, Emotionalität oder freiem Willen machen müssen. Vielleicht ist genau dieses Dilemma unsere Chance: So, wie wir nicht wissen können, ob wir schon in den posthumanen Zustand eingetreten sind, kommen wir über das, was wir für unsere Menschlichkeit halten, gar nicht hinaus.

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