Zeit SCHRIFTEN : Krokodile am Badesee

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Unter den zwölf Ratschlägen, die der Belgrader Schriftsteller Igor Marojevic allen schreibwütigen Landsleuten gibt, dürfte insbesondere Nummer acht sofort überzeugen: „Im Ausland leben, für länger.“ Er selbst hat es dabei zwar nicht zur höchsten Kunst, der Emigration, gebracht, aber immerhin jahrelang in Spanien Abstand gesucht, bevor er nach Zemun, in den habsburgisch geprägten Bezirk der serbischen Metropole, zurückkehrte. Denn, so die Diagnose von Ratschlag Nummer eins: „Serbien ist kein guter Ort zum Leben, aber ein guter Ort zum Schreiben.“

Das Erste muss man nicht umständlich begründen. Die quälenden Vermeidungsstrategien in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen während der jüngsten Balkankriege, die Hungerlöhne, die rustikalen öffentlichen Umgangsformen – ohne Training legt sich das schwer aufs Gemüt. Und zerstiebt nicht jeder Funke europäischer Hoffnung, der das Land endlich aus seiner Isolation befreien könnte, unter den Nachrichten, die mit niederschmetternder Regelmäßigkeit aus Serbien kommen? Erst am 10. Oktober verwüsteteten randalierende Horden nach stundenlangen Straßenschlachten mit der Polizei, die einen „Gay Pride“-Umzug schützen wollte, die Belgrader Innenstadt. Zwei Tage später beschossen serbische Hooligans in Genua, angeblich im Auftrag italienischer Mafiosi, das Qualifikationsspiel zur Endrunde der Europameisterschaft mit Feuerwerkskörpern: Das Match musste abgebrochen werden.

Die Ergiebigkeit solcher Verhältnisse für die Literatur bleibt indes eine Behauptung, solange westeuropäische Leser von den Talenten zumal der jüngeren Schriftsteller nur wenig erfahren. Deshalb ist es ein Glücksfall, dass die „Neue Rundschau“ (3/2010, S. Fischer Verlag, 270 Seiten, Einzelheft 12 Euro) ein Bündel aus zwei Dritteln Prosa und einem Drittel Poesie geschnürt hat, das vitale Protagonisten der Szene vorstellt: Sie repräsentieren die Gäste des Serbienschwerpunkts der Leipziger Buchmesse im kommenden Frühjahr. Dazu kommt ein kleiner Balkanreiseessay von Clemens Meyer – und ein instruktiver Text des zugleich als Lyriker vertretenen Herausgebers Dragoslav Dedovic, der Schneisen durchs Dickicht zu schlagen versucht.

Dedovic muss zwar zugeben, dass es zu jeder These eine Antithese gibt. Die Vereinbarkeit des vermeintlich Unvereinbaren gehört aber wohl zu den Kennzeichen einer zeitgenössischen Vielfalt, die sich auch national nicht einhegen lässt. So stammt Igor Majorevic wie der in Florenz lebende Dichter und Minderheitenungar Otto Horváth aus der multikulturellen Vojvodina und schreibt in an Thomas Bernhard gemahnender Manier über das montenegrinische Perast. Der Erzähler Vule Zuric kommt wie Vladimir Kecmanovic, Goran Samardzic, und der in Massachusetts US-Geschichte lehrende Vladimir Pistalo aus dem bosnischen Sarajevo, während Vladimir Arsenijevic, der in einem 60-Sätze-Countdown die letzte Minute im katalanischen Leben seines Helden Dumbo schildert, im kroatischen Pula geboren wurde. Daraus kann auch stofflich nur eine ähnliche Buntheit wachsen. Denn „die serbische Wirklichkeit“, so Marojevic, „kennt viele phantastische, paradoxe Konstrukte. Sie ist voller prowestlicher Anhänger der Ostkirche. Armer Snobs. Impotenter Mannsbilder. Western und Porno-Mädchen. Sich der Groteske überlassen: sich bewegen.“

Dieser Sinn fürs Groteske beerbt in gewisser Weise einen Surrealismus, der sich einst als Ausweg aus dem sozialistischen Realismus empfahl, der auch Serbien einst regierte. Da ist es egal, ob Vladimir Pistalo noch einmal Titos Begräbnis mit grellem Witz rekapituliert, Jovan Nikolic Tag- und Nachtträume verquirlt oder Vule Zuric einen auf die Ada Ciganlija entführt. Die künstliche Halbinsel an der Save, nahe der Donaumündung bei Belgrad, ist so etwas wie der Versuch, Serbiens fehlenden Meerzugang mit den Mitteln eines Süßwassersees zu kompensieren: „Es fehlten eigentlich nur noch die Krokodile, die aus dem Schatten des Dickichts die Serben betrachteten, um sie dann in pedantischer Selektion abtauchend zu verspeisen, und zwar so viele wie notwendig, um Platz für neue Badegäste zu schaffen, die dann behaupten könnten, dass es hier schön sei.“

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