Zeit SCHRIFTEN : Mein Zensor, mein Schutzengel

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Der Zensor alten Schlags, so geht das Klischee, ist ein verknöchertes Rotstiftwesen. Sein Sachverstand hängt an wenigen Schlüsselreizen, und nur die Abscheu vor anstößigen Stellen, die sich von einer heimlichen Entdeckerlust nicht immer trennen lässt, kann sein Bürokratenhirn erschüttern. Wie gut, dass diese traurige Figur in weiten Teilen der Welt arbeitslos geworden ist – auch wenn ein Blick auf die Website des britischen „Index on Censorship“ (www.indexoncensorship.org) genügt, um sich davon zu überzeugen, wie sehr das Recht auf freie Rede zwischen Bangladesh, der Türkei und Aserbaidschan gefährdet ist.

Wie unheimlich sind überdies die technologisch alerten Nachfolger des klassischen Zensors. Unter dem Motto „Brave New Words“ widmet sich das aktuelle Magazin des „Index on Censorship“ ganz zu Recht den Cyberwars, die via Google etwa in China ausgetragen werden und eine Art weltanschaulich indifferenten Doppelagenten hervorgebracht haben, dessen Kenntnisse ebenso bei der grenzenlosen Öffnung des Internets wie bei seiner Kontrolle Einsatz finden.

Die rein moralische Betrachtungsweise von Zensursystemen war dem südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee indes immer zu billig. Er interessierte sich, wie seine Essaysammlung „Giving Offense“ (1996) zeigt, stets mehr für das, was sie hervorbringen, als für das, was sie verhindern. Ihn beschäftigte die mögliche Komplizenschaft von Zensor und Zensiertem, die Zwangsintimität aus der Distanz.

Die aus den Archiven des Apartheidsregimes zutage geförderten Gutachten, die seinen frühen Romanen „Im Herzen des Landes“, „Warten auf die Barbaren“ sowie „Leben und Zeit des Michael K.“ galten, zwangen Coetzee jetzt auch dazu, seine Vorstellung vom Zensor zu korrigieren, und vermittelten ihm die Ahnung, dass die alte südafrikanische Praxis repräsentativer für das Wesen von Zensur war, als er bisher angenommen hatte.

In einem Anfang Mai an der University of Austin in Texas gehaltenen Vortrag (als Video unter www.utexas.edu/know/2010/05/21/nobel_laureate_coetzee/) erklärt er, vom Donner gerührt gewesen zu sein, als er von der Identität der Gutachter erfuhr. Sie stammten fast alle aus seinem universitären Umfeld in Kapstadt und Stellenbosch: hochgebildete, empfindsame, ihm zum Teil persönlich bekannte und literarisch selbst tätige Menschen, die nur eine andere Provinz seines künstlerischen Reichs bewohnten.

Peter McDonald, der im vergangenen Jahr mit „The Literature Police“ ein Standardwerk über das südafrikanische Zensursystem veröffentlichte, behauptet sogar, dass sie nichtöffentliche Vorformen literarischer Kritik übten. Zu allem Überfluss priesen sie, auch wenn sie Sexszenen zwischen Weiß und Schwarz monierten, wie McDonald in seinem brillanten Aufsatz „The Writer, the Critic, and the Censor – J. M. Coetzee and the Question of Literature“ darlegt (web.princeton.edu/sites/english/csbm), die ungewöhnliche Literarizität von Coetzees Romanen, während die zeitgenössischen Kritiker seines Landes sie vielfach als überkomplex verdammten. Wer also waren die wahren Freunde seiner Bücher, die nun mit staatlicher Erlaubnis aus England nach Südafrika reimportiert wurden?

Es sind dies alles keine Gründe, in Coetzees Spiegelkabinett irre zu werden und die ihm erwiesene anonyme Gunst für unbedenklich zu erklären. Dazu zeigt sich Coetzee selbst schon viel zu sehr verwirrt über die wiederkehrenden Begründungen (im handschriftlichen Faksimile unter www.theliteraturpolice.com). Ein ums andere Mal heißt es da, seine Romane würden überhaupt nur von einer verschwindenden intellektuellen Minderheit verstanden und müssten auch deshalb nicht verboten werden. Sie seien in einem Maß aufs Symbolische und Universale ausgerichtet, hinter dem das wirkliche Südafrika zurücktrete.

Die Argumentation rührt ans Herz jeder Literatur, die auf ihrer Autonomie beharrt, aber ihren Wirklichkeitsbezug nicht abstreifen will – ein Thema, das Coetzee bis heute verfolgt und nun noch einmal hinterrücks ereilt: Die Schutzengel begriffen Coetzees Texte sehr wohl – an ihrer Dienstbarkeit gegenüber dem Apartheidsregime änderte sich nichts.

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