Zeit SCHRIFTEN : Seifenlauge und griechisches Öl

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Der Erste, der behauptete, dass die amerikanische Serie „The Wire“ nicht einfach Fernsehen sei, sondern ein „Roman“, war kein Kritiker, sondern ihr Schöpfer David Simon. Für den Starjournalisten Joe Klein war es also nur konsequent, zum Ende der fünften Staffel den Nobelpreis für den Blick in Baltimores schwarzes Drogenelend zu fordern – zumal die Maßstäbe schon zuvor dem Allerhöchsten zustrebten. Man hatte das Alte Testament bemüht, die attische Tragödie, das Inferno von Dantes „Göttlicher Komödie“ und Shakespeares Königsdramen; anders schien sich die finstere Wucht dieses Verfallsepos nicht beschwören zu lassen. Und es waren nicht nur Fernsehkritiker, die sich damit an einen Rest Bedeutsamkeit ihres Mediums klammerten. Es waren Schriftstellerinnen wie Lorrie Morrie, die die Leser der „New York Review of Books“ (www.nybooks.com) bei aller Distanz gegenüber Moden und Superlativen überzeugen wollten, dass sich hier, nach dem wegbereitenden Mafiaepos der „Sopranos“, eine neue komplexe Form filmischen Erzählens etabliert hatte.

Mittlerweile gehört es zu den kulturellen Gewohnheiten, sich auf solche bis zu 80 Stunden Lebenszeit absorbierenden Welten einzulassen – ein Aufwand, den sonst nur Wälzer wie Tolstois „Krieg und Frieden“ fordern. Vielleicht ist es aber zu selbstverständlich geworden, alles zu bejubeln, was als the next big thing gilt. Die Einhelligkeit, mit der Matthew Weiners „Mad Men“ aus dem New Yorker Werberkosmos der sechziger Jahre zum Geniestreich erklärt wurde, war schon immer unheimlich. Einer hat den Unisonobeifall nun unterbrochen. Vier Monate nach Lorrie Moores Eintauchen „In the Life of ‚The Wire’“ widmet Daniel Mendelsohn dem „Mad Men Craze“ in der Titelstory der „Review“ vom 24. 2. vernichtende Worte.

„Das Drehbuch ist äußerst schwach, die Dramaturgie planlos und oft grotesk, die Charakterzeichnung oberflächlich und manchmal zusammenhanglos; die Haltung gegenüber der Vergangenheit ist unbedacht und die Selbstverortung in der Gegenwart widerwärtig selbstgefällig; das Schauspielerische ist fast ausnahmslos farblos und zuweilen amateurhaft.“ Das sitzt. Und es kommt noch deutlicher: „Die Serie ist eher melodramatisch als dramatisch. Damit meine ich, dass sie zum größten Teil verfährt wie eine Soap Opera, indem sie erst eine Krise nach der anderen erzeugt (Ehebruch, Abtreibungen, voreheliche Schwangerschaften, Affären zwischen Weiß und Schwarz, Alkoholismus, Drogensucht) und dann auflöst, statt in glaubwürdigen Konflikten den sozialen und kulturellen Phänomenen zwischen Person und Situation nachzugehen: Sexismus, Frauenhass, soziale Heuchelei, Rassismus, die Gegenkultur.“ Das Schlimmste aber ist , dass die „Mad Men“ einem „ständig sagen, was man zu denken hat, statt einen selber denken zu lassen.“

Man würde diesem Urteil nicht trauen, wenn dieser schwule New Yorker Jude mit dem rasierten Schädel und dem eindrucksvoll distinguierten Auftreten (www.danielmendelsohn.com) als Kritiker auch leichterer Ware nicht genauso raffiniert wäre wie als Autor („Die Verlorenen“) und Altphilologe – ein Doppelleben, zwischen dem er in seinen Essays gerne Brücken schlägt. „The Wire“ mit seiner aischyloshaften Moral gilt ihm deshalb mehr; selbst ein Sci-Fi-Vergnügen wie „Battlestar Galactica“ erscheint ihm in seiner „futuristischen Neubearbeitung der ,Aeneis’“ anregender als „Mad Men“. Bei der Stange gehalten haben ihn nur die Kinderfiguren.

Was wäre lohnender, als wenn Mendelsohn dieses Universum systematisch aufschließen würde: von der gänzlich unepischen Anwaltsserie „Boston Legal“, die in der sophistischen Gewissheit, dass sich auch das einleuchtendste Argument artistisch herumdrehen lässt, die modernste Form des sokratischen Dialogs darstellt. Bis zum episch satten und doch in einem sehr überschaubaren Kosmos angesiedelten Chemielehrer-wird-Dealer-Drama „Breaking Bad“, das der moralischen Ambivalenz seines Helden mit schwarzem Humor und dostojewskihafter Unerbittlichkeit zuschaut.

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