Zeit SCHRIFTEN : Wie ich ein Lesewesen wurde

Erweckungserlebnisse und Lebensbücher: Eine Sonderausgabe von "Sprachgebunden" entwirft Lektürebiografien in einer großen Collage von Stimmen prominenter Schriftsteller

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Der erste Film, das erste Konzert, die erste Ausstellung: Mit etwas Glück kann man sich auch daran erinnern. Doch die eigene Biografie als Leser hat fast immer mehr Gewicht, selbst wenn sich die persönlichen Leidenschaften schließlich auf das Kino oder die Oper richten. Dazu muss man keine falsche Hierarchie der Künste bemühen. Die Gründe sind banaler: Lektürebiografien fangen in der Regel früher an, ja sie beginnen lange vor dem Beherrschen der eigentlichen Kulturtechnik mit dem Vorlesen, und sie spielen sich in dem Medium ab, in dem wir auch sonst unser Leben reflektieren: der Sprache. Auch die Materialität des Gegenstandes Buch spielt eine Rolle.

Weder die Schallplatte und ihre Gebrauchsspuren können damit konkurrieren geschweige denn die Neutralität einer DVD. Wie viele Eselsohren, Anstreichungen oder eingelegte Zettel machen Bücher zu Unikaten, die in der eigenen Lebensgeschichte situiert werden wollen. Zugleich verändern sie sich bei mehrmaligem Lesen im Laufe eines Lebens viel stärker als ein Musikstück beim wiederholten Hören. Nicht zuletzt okkupieren ungelesene Bücher eine Stellung zwischen Versprechen und Drohung, die kein entgangener Theaterabend und keine verpasste Vernissage beansprucht.

„Das Leben als Leser“, das die von Jan Valk und Jonas Reuber herausgegebene „Zeitschrift für Text + Bild“ namens „Sprachgebunden“ in einer grandiosen Sonderausgabe untersucht (www.sprachgebunden.de, 120 Seiten, 9 €) nimmt selbst bei einem Filmregisseur wie Volker Schlöndorff einen Raum ein, der sich nicht mit dem der allgemeinen Erziehung zur künstlerischen Empfindsamkeit deckt. Zusammen mit 14 anderen Büchermenschen berichtet er von seiner Lektürebiografie, die hier im Rahmen einer einzigen großen Gesprächscollage erscheint.

Bei allem, was die Schriftsteller Judith Schalansky, Thomas Meinecke und Feridun Zaimoglu an Generations- und Regionalprägungen unterscheidet, was Juri Andruchowytsch, Maria Cecilia Barbetta und Galsan Tschinag an exotischen Farbtupfern hinzufügen und Wolfgang Büscher, Jürgen Kuttner und Christian Brückner aus ihrer je eigenen Erfahrung ergänzen, entsteht dabei doch so etwas wie ein einziges kollektives Lesewesen, in dem die disparatesten narrativen und dichterischen Muskel zucken. Doch niemand sollte sich einbilden, dass dies auf individueller Ebene einheitlicher wäre: Kulturelle Basistexte, Idiosynkrasien und Obsessionen führen auch hier eine muntere Koexistenz.

Die Inszenierung des Gesprächs folgt einer stillschweigenden Dramaturgie von frühesten Vorlese- und Lektüreimpressionen, die zu Erweckungserlebnissen, Herzens- und Lebensbüchern übergeht, sich dann der Rolle von Leseorten widmet, das Gewicht kanonischer Werke schultert und zum Schluss einen Blick in private Bibliotheken und deren mehr oder weniger vorhandenen Systematik wirft. Welche Bedeutung hatte Defoes „Robinson Crusoe“? Glühten die Ohren bei Stevensons „Schatzinsel“ oder Coopers „Lederstrumpf“? Wie war das mit Hermann Hesse? Und: Darf’s heute noch Karl May sein?

All das erfährt man und bekommt nebenbei Tipps wie den von Dietmar Dath, dass man ohne die Lektüre von Steve Ayletts Fakebiografie „Lint“ nicht ins Grab sinken sollte. Die Lebendigkeit des Gesprächs entsteht sowohl durch seinen hohen Grad an Mündlichkeit wie durch die Parallelmontagen und Einrückungen, die typografisch simulieren, wie sich die Mitwirkenden ins Wort fallen.

Diese Collage skizziert tausend mögliche Wege durch die Welt der Literatur. Thomas Meinecke erzählt, wie er mit der Hilfe von Henry Miller, den ihm seine Mutter geschenkt hatte, von Arthur Rimbaud zu Patti Smith und weiter zu Hubert Fichte gelangte. Und Albert Ostermaier berichtet, wie er einst in einem mexikanischen Hotelzimmer, auf dem Weg nach Quauhnahuac, wo Malcolm Lowrys Roman „Unter dem Vulkan“ spielt, von der Atmosphäre des Buches derart überwältigt war, dass er dieses Erlebnis buchstäblich teilen wollte. Mit einer Nagelschere zerschnitt er das Exemplar, um seiner Frau die von ihm schon gelesene erste Hälfte zu geben. Das Buch, wenn es sich denn dadurch nicht in etwas Neues verwandelt hat, steht bei ihm heute noch so im Regal.

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