Kultur : Zeit und Traum

Steffen Richter

über neueste Nachrichten aus der Vergangenheit Es gibt Orte, denen man ihre Literaturtauglichkeit nicht auf den ersten Blick ansieht. Das CERN in Genf (Conseil Européen de Recherche Nucléaire) ist so einer. Hier wurden – gewissermaßen ein Nebenprodukt – die Grundlagen des World Wide Web entwickelt. Denn eigentlich geht es darum, mit gigantischen Teilchenbeschleunigern die Materieentstehung am Beginn des Universums nachzuvollziehen. Das ist spannend, aber kann man darüber Romane schreiben?

Und ob! Da diese Vorgänge mit bloßem Auge nicht sichtbar sind, müssen sie mit Detektoren visualisiert werden. Das ist fast ein imaginärer Akt und somit eine Vorform der Fiktion. Der Ort ist prädestiniert für zeitliche Paradoxien. Und Thomas Lehr macht sie sich in seinem Roman „42“ (Aufbau) zunutze. Als eine Gruppe Touristen aus den unterirdischen Beschleuniger-Anlagen des Genfer Kernforschungszentrums wieder an die Erdoberfläche kommt, scheint die Zeit in der ganzen Welt stehen geblieben zu sein. Fünf Jahre lang verharren die Zeiger auf 12 Uhr 47 und 42 Sekunden. Lehr stellt sein Buch am Mittwoch, 31.8., im Literaturhaus vor (20 Uhr, Fasanenstr. 23, Charlottenburg) .

An einem literarisch nicht gerade einschlägigen Ort feiert Erich Loest s neuer Roman über den 17. Juni 1953 Premiere. Zu dem Datum, sollte man meinen, ist schon alles gesagt. Aber bei Loest geht es einmal nicht um Berlin und den Zug der Bauarbeiter von der Stalinallee. In „Sommergewitter“ (Steidl) erzählt er vom Arbeiteraufstand, wie man ihn in der Provinz erlebt haben mag. Da Halle und Bitterfeld die wichtigsten Handlungsorte sind, präsentiert Loest seinen Roman am Donnerstag, 1.9., in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt (19 Uhr, Luisenstr. 18, Mitte) . Zur Einleitung hält der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck einen Vortrag.

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