Kultur : Zeit zu schlüpfen

Berlins Galerienszene ist wieder in Bewegung

Jens Hinrichsen

Mutti ist platt. Wer sie auch immer so zusammengefaltet hat, Nylonfäden und Heftklammern zwingen sie in die Fläche. Neben diesem Origami-Objekt beschwört Ann Course ein ganzes Arsenal solcher Gespenster: Eine Eierpappe verformt sich zum Embryo und auf lakonischen Zeichnungen der Künstlerin fahren Mütter tödliche Stacheln aus. Wahrlich kein heimeliges Familien-Bild entwerfen sechs Künstler in der Galerie Barbara Thumm unter dem Titel „Mutti ist böse“. Es werden freilich nicht nur Horrorbilder von Allmacht und Gewalt in Familien heraufbeschworen, sondern auch sanftere „Familienfallen“ beschrieben, wie Jeanne Faust ihre Fotoserie nennt: Seltsame Grüße aus der Neubau-Tristesse, die zwischen Schnappschuss und Inszenierung oszillieren. In seinem Video „Berkeley’s Island“ vertreibt sich Guy Ben-Ner die Zeit auf einer Mini-Insel mitten in der Wohnküche. Ein Videobild der Hilflosigkeit vermittelt Yael Davids „Ball“: Ein Mädchen ist im Plastikball eingeschlossen, nur Kopf und Füße ragen heraus.

Es wäre Zeit, aus dem Ei zu schlüpfen. Kinder werden groß, auch wenn’s den Eltern nicht passt. Die Galeristin Barbara Thumm hat früh auf eigenen Beinen gestanden. In der Auguststraße wurde es ihr vor knapp zehn Jahren zu familiär, sie zog ein paar Blöcke weiter. Im März eröffnet sie in der Markgrafenstraße einen zweiten Standort. Diese Zellteilung habe den Vorteil einer „erweiterten Bandbreite“. Und es gibt ja auch einige Neuzugänge im Programm wie Valérie Favre, die im Mai in den neuen Räumen ausstellen wird, gefolgt von Elke Krystufek, deren Arbeiten an beiden Orten gezeigt werden sollen. „Ich will Möglichkeiten ausprobieren und bin neugierig, wie es laufen wird“, freut sich Barbara Thumm.

Neugier, Respekt, ein wenig Bammel vorm Risiko vielleicht haben auch jene Galeristen, die es von anderswo nach Berlin zieht. Nicht alle machen gleich am bisherigen Standort dicht wie der Kölner Ulrich Fiedler, der gerade fiedlercontemporary in Berlin eröffnet. Luis Campaña, Gisela Capitain und Monika Sprüth folgen mit Showrooms, ohne ihre alten Adressen aufzugeben. Den Berliner Kunstmarkt stärken sie dennoch.

Das wird in diesem Jahr auch das Art Forum Berlin spüren: 2007 kamen 34 der 60 deutschen Galerien aus Berlin. Es könnten mehr werden, doch hat sich aus Sicht der Kunstmesse für ein „stimmiges Gesamtkonzept“ bewährt, dass mindestens die Hälfte der Galerien aus dem Ausland stammt und Berlins Galerien rund ein Viertel der Teilnehmer ausmachen. So nimmt der Druck auf die hier Ansässigen letztlich noch einmal zu.

Auch Michael Werner hat inzwischen mehr als nur einen Koffer in Berlin: Der renommierte Kölner Galerist ist privat seit langem bei Berlin ansässig. Nun hat er sein Büro in die Kochstraße verlegt. Die allgemeine Berlin-Euphorie sieht er dennoch skeptisch. „Solange der Überbau nicht stimmt, sprich: Kulturpolitik und Museen nicht funktionieren, bleibt Berlin Provinz.“ Seine Kölner Galerie will er nicht aufgeben, sucht aber einen neuen Leiter. Am Checkpoint Charlie hat Werner ein „Präsentationszimmer“, und auch in der Galerie seines Sohnes Julius stellen – wie zurzeit Markus Lüpertz – Künstler aus, die dem Vater verbunden sind. Familiäre Harmonie, die scheint es doch noch zu geben – sogar auf dem harten Kunstmarktpflaster. Jens Hinrichsen

Galerie Barbara Thumm, Dircksenstr. 41; bis 8.3., Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 13-18 Uhr.

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