Kultur : Zeiten, Ewigkeiten

„Historias minimas“ – ein leises Roadmovie von Carlos Sorin

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Kein Mensch braucht für Zeit und Raum ins Kino zu gehen, haben wir selber, sagen die Prosaischen und haben wieder einmal unrecht. Denn im Kino sieht man beides viel besser. Vor allem, wenn ein Film in Patagonien spielt. Die Zeit ist hier ein anderes Wort für Ewigkeit, also ungefähr der Abstand zwischen dem Tag, als Don Justo sein kleiner Hund weggelaufen ist und dem Tag, als er hört, in San Julian habe man ihn gesehen. Genau genommen müsste Don Justos Hund längst tot sein, aber nur Barbaren denken so über ihre Hunde.

Der Raum ist auch größer in Patagonien als anderswo. Eigentlich gibt es hier nur Raum, sonst nichts. Wenn man mal die eine Straße nicht mitzählt. Patagonien ist am anderen Ende der Welt, Südargentinien, aber alles hat hier seine Ordnung wie am Anfang der Welt: Raum unendlich, Zeit unendlich und der Mensch ein Staubkorn in der Mitte. Genauer, drei Staubkörner. Da ist Don Justo, der alte Mann, der so unvorsichtig war, seinen Kindern den kleinen Supermarkt an der Straße zu überlassen, und jetzt benehmen sie sich, als sei er, Don Justo, ein alter Mann. Inmitten dieses Irrsinns beschließt er, endlich wieder etwas Sinnvolles zu tun und geht seinen Hund suchen. Geht mitten hinein in Raum und Zeit. Und Regisseur Carlos Sorin zeigt das. Nicht sehr wahrscheinlich, dass Don Justo von dort wiederkommt. Carlos Sorin hat ein Talent für Bilder, die vor allem das zeigen, was sie nicht zeigen.

Zu den Nachteilen, mitten in Raum und Zeit zu wohnen, gehört: Es gibt da nur ganz selten Strom. Maria Flores hat keinen Strom, aber gerade in einer TVGameshow einen Multiprozessor gewonnen. Den wird sie dann auf ihr einziges Regal stellen, und jeder wird ihn sehen können, aber zuerst muss sie ihn abholen in San Julian. Das ist dort, wo jemand den Hund von Don Justo bemerkt haben will und wo die Menschen wie in allen Städten glauben, dass sie größer sind als Staubkörner. Also geht auch Maria Flores, die noch nie aus Raum und Zeit herausgekommen ist, erstmals auf große Fahrt.

Und dann sind da noch die Durchreisenden durch Zeit und Raum. Kuriositäten-Vertreter zum Beispiel wie Roberto. Er ist fest entschlossen, eine Witwe in San Julian für sich erobern. Und zwar mit einer Torte für ihr Kind. „Historias Minimas“ ist vielleicht das langsamste Roadmovie aller Zeiten. Auf jeden Fall ist es eines der schönsten, wenn seine Geschichten auch, genaugenommen, nur staubkorngroß sind.

Filmbühne am Steinplatz, FT Friedrichshain, fsk am Oranienplatz (alle OmU)

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