Zeitfenster Festival : Frischer Blick auf alte Partituren

Bei "Zeitfenster", der Biennale für Alte Musik im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wird virtuos musiziert. Beobachtungen bei den zwei langen Nächten des Festivals.

von
Martin Haselböck
Martin HaselböckFoto: Lukas Beck

Crossover-Projekte sind oft musikalische Joint Ventures mit hohem Marketingpotenzial, aber geringem künstlerischen Mehrwert. Nicht so die Projekte, die das „Zeitfenster“-Festival für Alte Musik am jetzt im Radialsystem unter dem Titel „On the border“ vorstellte. Denn streng genommen ist historische Aufführungspraxis ja bereits per se ein verkapptes Crossover-Phänomen: Wo eine Aufführungstradition unterbrochen oder gar völlig abgerissen ist, muss man sich zwangsläufig bei aktuellen Spieltraditionen bedienen, um aus toten Noten wieder eine lebendige musikalische Sprache zu machen.

Profitierte die barocke Szene in der Vergangenheit erheblich vom Jazz, werden derzeit auch viele folkloristische Traditionen auf ihre Eignung für eine Lebendspende überprüft. Für einen ersten Aha- Effekt sorgte die Barockgeigerin und Folkmusikerin Lisa Rydberg mit einer Bach’schen Gigue: Auch wenn sie den Tanz mit eindeutig schwedischem Akzent spielte, erhöhte sich die gefühlte Authentizität dramatisch – noch wichtiger als die Benutzung einer historisch korrekten Trillertabelle ist es offenbar, Bachs Bezug zur einer lebendig tradierten, körperlichen Tanzmusikkultur erlebbar zu machen.

Ein Spiel mit mehreren Variablen eröffnete der Jazzklarinettist Claudio Puntin mit weiteren drei Musikern: Ihre Erkundungen von Lamento-Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts überzeugten mit wechselnden Überblendungen der Klangfarbenregister von Klarinette, Violone, Barockvioline und Bandoneon und einem überraschenden Querverweis zur Klagetradition des Klezmer.

Dass auch der Einsatz von Video und Live-Elektronik mehr sein kann als ein bloßer Gimmick, führten sowohl Sabina Meyers Projekt „Ninfa in Lamento“ als auch Burak Özdemirs „Transmute“ vor. Auch wenn sie hier und da Gefahr liefen, kultige Standards der Alten Musik wie etwa Purcells Lamento aus „Dido und Aeneas“ oder Kapsbergers „Arpeggiata“ spacig aufzubrezeln, überwogen die positiven Aspekte: In ihrer chamäleonhaften Anpassungsfähigkeit kann Live-Elektronik nämlich auch eine ästhetisch überzeugende Brücke von der analogen Musikproduktion auf dem Podium zur rein digitalen Videoprojektion im Hintergrund schaffen. Und auch die oft extreme Stilisierung historischer Musik wird verständlicher: Der Abstand von einem expressiven Monteverdi-Madrigal zu einem gesampelten Schrei ist jedenfalls geringer, als man denkt.

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