Kultur : Zeitgenosse Bach

ECKART SCHWINGER

Die Johannespassion unter Uwe Gronostay in der PhilharmonieVON ECKART SCHWINGERWas in der Johannespassion in den Rezitativen oder in den Chören des sich heftig erregenden, spottenden Volkes bereits von Bach in geißelnder Prägnanz komponiert ist, wird heute von manchen Dirigenten gern im Ausdrucksgestus und Tempo in forcierender Form auf die Spitze getrieben.Uwe Gronostays Aufführung der Bachschen Johannespassion mit dem Philharmonischen Chor und dem Ensemble Oriol in der Philharmonie steuerte glücklicherweise nicht auf eine selbstgefällige Überinterpretation hinaus. Sie war von einer ganz ungezwungenen, ausgereiften und doch zugleich sehr frischen und dynamischen Musizierhaltung geprägt.Da fehlte es nicht an engagierter Sinndeutung, deklamatorischer Klarheit und Umrißschärfe seitens des großen Chorers wie kleinen Eliteorchesters.Gronostay verdeutlichte mit viel Flexibilität und vor allem sehr hellhöriger Klangformung, daß die Bachsche Johannespassion ein geradezu modernes, kontrasthaft zusammengedrängtes Werk ist. Die Choräle waren in der berührenden Sinnverdeutlichung und variablen Klangschönheit die zentralen Punkte.Nur der Einleitungschor fiel zunächst etwas auseinander.Da sprang der Funke noch nicht über.Insgesamt aber war die Ausdrucksskala intensiv gespannt - bis zum aufgelichteten Schlußchor "Ruht wohl" und schon österlich zuversichtlichen Schlußchoral "Ach Herr, laß dein lieb Engelein", der mit großer innerer Leuchtkraft herüber kam.Mit so schlanken wie kernigen Stimmen erfreuten die Solisten Monika Frimmer, Bogna Bartosz, Markus Brutscher und Jörg Gottschick als arienloser Jesus.Thomas Laske fiel bei der Pilatus-Partie und den weiteren Baß-Aufgaben durch ausgeprägtes Stimmprofil und elementare Tonfülle auf. Stilistisch wie sängerisch ragte Nico van der Meel mit seidenfeinem Espressivo und hochempfindlicher Klangrede heraus.Selten hat ein ausgesprochen lyrischer Tenor das Passionsgeschehen auf so spannungsvoll-subtile Weise erzählt.Das bittere Weinen des Petrus oder der markdurchdringende Schrei "Barabas aber war ein Mörder" ließen einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. Einziger Schönheitsfehler die total deplazierte, große Pause nach dem ersten, vierzigminütigen Teil der insgesamt relativ kurzen Johannespassion.Ein schmerzlicher Einschnitt ausgerechnet in dieser Bach-Aufführung, für die Uwe Gronostay eine so fugenlose wie fesselnde Konzeption mitgebracht hat.

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