Kultur : Zeitgenosse der Zukunft

KATHARINA RAABE

Ein Georg-Büchner-Projekt im Theater von SarajevoVON KATHARINA RAABEIn Sarajevo liegen die Friedhöfe wieder in Wohngebieten: Marmorsäulen oder Holzstelen der Moslems, Kreuze der Christen grenzen an Gartenzäune, hinter denen Hühner gackern und Holz aufgeschichtet wird.Es sind die alten Grabplätze, die 1878 mit Beginn der österreichisch-ungarischen Herrschaft geschlossen wurden.Während der Belagerung, als die beiden Hauptfriedhöfe unerreichbar waren, hat man sie wieder in Besitz genommen.Der jüdische Friedhof hoch über der Stadt ist mit gelben Plastikbändern abgesperrt: vermintes Gelände.In den Fensterhöhlen der Kapelle am Eingang türmen sich Sandsäcke.Hier oben begann im April 1992 die jugoslawische Volksarmee mit dem Beschuß der Stadt.Das einstige Wohnviertel hangabwärts ist ein Trümmerfeld.In der Ljubljanska stehen schwergetroffene Jugendstilvillen, dahinter beginnen die zerschossenen, ausgebrannten Wohnblocks aus sozialistischen Zeiten. In den Kulissen des Todes entfaltet sich hektische Lebendigkeit - typisch für Nachkriegszeiten.Auf der Titova, der einzigen Tito-Straße auf dem Balkan, und in der Ferhadija herrscht urbanes Gedränge.Vor Schaufenstern von Joop und Versace Granateneinschläge im Pflaster.Die makabren Rosenmuster und versteinerten Spritzer sind dort, wo Menschen umkamen, mit rotem Beton ausgegossen.Sarajevo will zur Normalität zurückkehren.Doch ein großer Teil der Bevölkerung lebt noch immer von humanitärer Hilfe oder von Verwandten und Freunden im Ausland.Weggegangene kehren nur zögernd zurück.Es gibt keine Arbeit, niemand weiß, wie es hier weitergehen wird.Die Menschen sind nicht mehr dieselben.Sie müssen mit Not, Invalidität und Traumatisierungen leben. Ein überzeugter, idealistischer Rückkehrer ist D«zevad Karahasan, Schriftsteller und früher Dozent an der Akademie für Szenische Künste.Er hat Sarajevo im Februar 1993 verlassen und wurde mit seinen Essays und Romanen im Ausland so etwas wie ein Botschafter der Stadt.Als Dramaturg am Nationaltheater will er ein großes Büchner-Projekt realisieren.Kürzlich hatte "Leonce und Lena" Premiere, ein Stück, das in Sarajevo noch nie gespielt wurde."Woyzeck" soll im Herbst, "Dantons Tod" im Jahr 2000 folgen.Karahasan, der die Stücke neu übersetzt hat und eine bosnische Gesamtausgabe plant, konnte Manfred Weber, Intendant des Kleisttheaters in Frankfurt (Oder), als Regisseur und Wolfgang Eschker, den Leiter des Goethe-Instituts in Zagreb, als Unterstützer gewinnen.Daß die Forderungen nach einem Goethe-Institut in Sarajevo auf harte Ohren stoßen, dieser Klage begegnet Eschker pragmatisch: mit verschärftem Engagement. Warum Büchner? "Weil er den Auftrag Sarajevos angenommen hat, unsere Lage zu beschreiben", sagt Karahasan.Für ihn ist Büchner ein Zeitgenosse der Zukunft: der "erste politische Emigrant der europäischen Literatur" und der erste metaphysische Nihilist. Kein Zufall, daß das 19.Jahrhundert nichts mit ihm anzufangen wußte.Erst das ausgehende 20.Jahrhundert erkenne sich in ihm wieder."Heute will jeder Idiot seinen eigenen Staat haben." Ein Thema in "Leonce und Lena", dem abgründigen Lustspiel um die Königskinder aus den Reichen Pipi und Popo, die in einem halben Tag durch ein Dutzend Fürstentümer und ein halbes Dutzend Großherzogtümer laufen."Die alten Feudalisten wie Tudjman und Milosevic opfern die Computerkids auf den Schlachtfeldern, um ihre eigenen Probleme zu lösen.Die mittlere Generation, wir, die 68er, sind ausgefallen, haben weggesehen, sind gegangen oder haben mitgemacht." Die Normalisierung geht ihm zu schnell - auch deshalb Büchner.Tua res agitur. Der Abend war ein Ereignis: schräges, riskantes Theater, das sich der Wirklichkeit draußen vor der Tür stellt.Leonce in schwarzer Lederjacke und cooler Sonnenbrille, eine Plastikschildkröte liebkosend, Valerio, ein ausgemergelter Mann, heiser, atemlos, immer auf dem Sprung, Kokainpäckchen unterm Mantel - zwei Desperados spielen Leben, wo es nichts mehr zu leben gibt.Ihre Sätze hört man wie zum erstenmal: "Lieber möchte ich meine Demission als Mensch geben." Müßiggang und Langeweile - der Zustand, wenn etwas für immer gegangen ist, das einmal wert war, erkämpft und geliebt zu werden.Weber/Karahasan haben diesen Metaphysikern der Endzeit einen Chor in den Nacken gesetzt, Stadtindianer mit Trillerpfeifen, Kinderrasseln und dem phantastischen Instrumentarium, das sich in Sarajevos Trümmerfeldern finden läßt.Angeführt von Rosetta, sind sie die Gespenster, die Valerio, Leonce und sein wildes Spiegelbild Lena nicht los werden: Kinder der Nacht, die so wenig weichen wollen wie Alptraum, Angst und Erinnerung.Rosettas Tanz auf der brennenden Blechtonne, während Leonce ihre Schuhe schwingt, in denen Flammen lodern, ist einer der Momente an diesem Abend, wo das Stück wie die rituelle Wiederholung durchlebter Realität wirkt: "Meine Füße gingen lieber aus der Zeit." Sand, Blechkanister, Benzinfässer, eine Matratze und ein paar exzellente Schauspieler, schöne, junge Leute mit der Lebenserfahrung von 70jährigen - mehr braucht es nicht, um in Sarajevo die Gegenwart auf die Bühne zu bringen.Die Requisiten sind aufs Notwendigste beschränkt, sie verweisen auf den Text, taugen zur Allegorie: Spiegelschrank und Uhr ohne Zeiger, eine Blumenuhr als Drehbühne, darauf ein Kinderkarussell, zwei Fahrräder, die Welt ist rund, und alles läuft im Kreis - "wie ist der Weg so lang".Zur Hochzeit treten Leonce und Lena in riesigen Ziffernblättern auf, Automaten als Uhren-Sandwich, mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen verziert - die Zeit zeugt, und die Liebe ist reine Mechanik. "Die Konzeption des Stückes wurde nicht eigens für Sarajevo entwickelt", sagt Manfred Weber.Daß der trottelige König Peter wie Alija Izetbegovi¿c aussieht, war zwar nicht unbeabsichtigt, aber der Satz "Ich muß mich an mein Volk erinnern" stammt nun mal von Büchner.Die erschreckende Buchstäblichkeit, die Untiefen im Text - während der Arbeit habe sich alles radikalisiert.Die Leute leben hier in einer anderen Zeit: nach dem Ende einer Zivilisation, nach dem Bruch mit Werten wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Güte.Und mit einer allumfassenden Todeserfahrung."Man muß den Wirklichkeitsverlust nicht durch Tricks wettmachen wie bei uns." Zwei Monate hat Weber in Sarajevo gelebt und unter schwierigen Bedingungen geprobt.Nach der Premiere bleibt er noch in der Stadt.Sofort abreisen - der Bruch wäre zu groß.Und er kann sich nicht von "seinen" Schauspielern trennen. "In Sarajevo ist das Theater ein Ort.Überhaupt ist diese Stadt ein Ort, um Kunst zu machen." Warum? Weber sieht aus dem Fenster, zögert."Man wird wesentlich befragt", sagt er nur.Und daß es für die Schauspieler sehr wichtig war, daß er nicht in offizieller Funktion, nicht als politischer Botschafter gekommen ist.Die meisten haben während der Belagerung gespielt, haben gearbeitet, um zu überleben und nicht verrückt zu werden.Es gab mehr Produktionen als vor dem Krieg.Ein ganz neues Publikum hat sich herausgebildet. An diesem Premierenabend ist es nur spärlich gekommen.Die Karten kosten umgerechnet 15 Mark, das kann sich fast niemand leisten.Und drei Stunden Aufführungsdauer ist für Sarajevos Verhältnisse zu lang.Dennoch war der Beifall groß.Haben sich die Diplomaten und Stadtpolitiker amüsiert? Die Bühne sieht am Schluß aus wie ein verwüstetes Kinderzimmer, das müßte sie an etwas erinnern.

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