Kultur : Zeitlos schlicht

JAN GYMPEL

Anton Stankowski ist, pardon, ein Dinosaurier: Jemand, der sich um eine möglichst funktionale und unaufdringliche Ästhetik bemüht, hat heute auch im Geschäft der Grafikdesigner nichts mehr zu suchen.Zeitlosigkeit paßt nicht mehr in die Zeit.Denn auch für die Gestalter von Schriften und Schriftlichem gilt: Je modischer desto besser, dann veralten die Sachen schnell und müssen durch neue ersetzt werden, wodurch weitere Aufträge gesichert sind.Unternehmen wie die Lufthansa, die seit Jahrzehnten ihr Erscheinungsbild nicht verändert haben, versündigen sich damit geradezu am Wachstum des Bruttosozialprodukts, das ja immer nur nach Quantität und nie nach Qualität fragt.

So ist denn auch vor einigen Jahren die lange Zeit zu Ende gegangen, da jeder (West-)Berliner fast täglich mit Anton Stankowski zu tun hatte: Das schlichte, schnell wiederzuerkennende und vielseitig einsetzbare Gebilde aus zwei dünnen Linien und dem fettgedruckten Schriftzug "Berlin" in der rechten oberen Ecke, das würdevoll, aber nicht pompös vor allem offizielle Briefköpfe zierte, wurde auf den Müll geworfen.Die neunziger Jahre verlangten nach einer modischen Schrifttype und nach Symbolik, wobei man - wie originell - auf ein stilisiertes Brandenburger Tor als Emblem verfiel.

Die Alltäglichkeit Stankowskischer Arbeiten - sein 25 Jahre altes Design für die Deutsche Bank wird beispielsweise noch heute verwendet - steht im Gegensatz zu den Schwierigkeiten, die Ausstellung des 1906 Geborenen zu besuchen: Die Berliner ifa-Galerie, zu der die Schau nach siebenjähriger Wanderschaft durch die halbe Welt zurückgekehrt ist, liegt schräg gegenüber der US-Botschaft und leidet daher momentan unter strengen Zugangskontrollen.Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen: Sinnfällig wird in der platzbedingt kleinen Retrospektive dargestellt, wie sich Stankowskis angewandte Kunst aus der "freien" heraus entwickelte; sei es aus abstrakten Malereien und Siebdrucken, in denen er mit geometrischen Grundformen und den Beziehungen experimentierte, oder aus Fotografien.

Mit der Kamera betätigte sich Stankowski vornehmlich in den späten zwanziger und dreißiger Jahren: Konstruktivistisch beeinflußt, beziehen seine Aufnahmen - wie viele werbegraphische Arbeiten - ihre Dynamik meist aus ihrer Komposition.Laufen Diagonalen durchs Bild, werden die Objekte zu scharf umrissenen, flächigen Gebilden, die in harten Kontrast zueinander und zum Hintergrund stehen.

Nur selten bediente sich Stankowski extremer Bewegungsunschärfe.Neben unspektakulären Alltagssujets wie Fabriken und Mietskasernenvierteln schuf er ganz im Geist der Neuen Sachlichkeit extreme Groß- und Detailaufnahmen von teils in Rudeln auftretenden Gebrauchsgegenständen wie Garnrollen oder Papiertüten.Diese Bilder nutzte er dann wiederum in seinen Auftragsarbeiten.

Nicht nur zu Weimarer Zeiten oder in Zürich, wo Stankowski von 1929-37 zur Avantgarde seines Fachs gehörte, konnte dieser Klassiker der Moderne seinen Stil auf Werbezetteln, Zeitschriften, Plakaten und ähnlichen Druckerzeugnissen umsetzen.Man findet die gleiche Ästhetik mit Groteskschrift und Fotomontagen auch noch in einem Magazin des Auto- und Motorradherstellers NSU aus dem Jahre 1939.Das meiste wirkt auch sechzig, siebzig Jahre später kein bißchen veraltet.Für heutige Grafiker ein Graus.

ifa-Galerie, Neustädtische Kirchstraße 15, bis 4.Oktober; Dienstag bis Sonntag 14-19 Uhr.Katalog 24 DM.

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