Kultur : Zeitlos? Viel los!

Verpuppte Paulinerkirche: Der Holländer van Egeraat gewinnt den Wettbewerb um den Leipziger Universitätscampus

Falk Jaeger

Es musste wohl so kommen. Die Diskussion in Leipzig um die Neubaupläne der Universität hatte auch in der Bürgerschaft hohe Wellen geschlagen, wobei es fast ausschließlich um die Frage ging, ob die 1968 auf Befehl des SED-Chefs Walter Ulbricht gesprengte Paulinerkirche wieder aufgebaut werden soll. Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und die Universität hatten sich frühzeitig gegen eine Rekonstruktion ausgesprochen. Doch als sich die Sächsische Staatsregierung als Bauherr dem Druck der Befürworter beugte, war das Rektorat zurückgetreten. Ohne die Kirche konnte es also nicht gehen, und so hatten einige der Architekten versucht, in irgendeiner Form wenigstens die Erinnerung an den gotischen Ziergiebel anzubieten. Peter Kulka, dem kompromisslos Modernen, fiel das besonders schwer, weshalb sein Entwurf trotz großer Sympathien in der Fachwelt den Schmährufen aus dem Publikum („Ansammlung von Schuhschachteln“) zum Opfer fiel und beim Entscheid nun auf dem zweiten Platz landete.

Den „großen Entwurf“, der nun von den „hochzufriedenen“ Verantwortlichen stolz präsentiert wurde, lieferte der Niederländer Erick van Egeraat. Seine expressive Komposition, mit der offenbar alle Streitparteien leben können, lässt in der Tat an Spektakel nichts zu wünschen übrig.

Van Egeraat, 1956 in Amsterdam geboren, gehört zu den Paradiesvögeln der Architektenszene. Seine Entwürfe fallen immer aus dem Rahmen, ob er bizarre Wohntürme à la Kandinski und Malewitsch für Moskau entwirft, ein Rathaus im holländischen Goes wie eine Hutschachtel, Wohntürme in Kopenhagen wie riesige Knusperhäuschen oder eine knallige Baukastenstadt für Rotterdam, alles ist bunt, lustig, extravagant und wirkt frappierend – zumindest anfangs.

Für den Campus in Leipzig hat der Schelm van Egeraat das historische Erscheinungsbild der Kirche zitiert, aber gleichzeitig ins Monströse gesteigert. Mit schrägen Dächern und verschobenen Proportionen verfremdet Egeraat den Eindruck. Dennoch, so viel Kirche war nie, und so waren wohl alle Kontrahenten erleichtert. Zumal der Architekt auch im Inneren an die Universitätskirche erinnert. Mit Säulen und einem veritablen spätgotischen Netzgewölbe soll die Aula aufwarten – zu viel des Guten sicherlich und hoffentlich im Baubudget nicht unterzubringen.

Leipzig bekommt am Augustusplatz zwischen dem Universitätsturm und dem Krochhochhaus hochinteressante, spektakuläre Architektur vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Mit eingebautem Verfallsdatum allerdings, denn „zeitlos“ ist van Egeraats Architektur nie gewesen.

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