Zeitporträt „Lauf Junge lauf“ : Über die Weichsel und in die Wälder

Es gibt viele Filme, die sich der Nazi-Zeit aus der Kinderperspektive nähern. Aber nur wenige tun es so konsequent wie Pepe Danquarts "Lauf Junge lauf".

Gemeinsam. Jurek (Andrzej Tkacz) und ein entlaufener Hund.
Gemeinsam. Jurek (Andrzej Tkacz) und ein entlaufener Hund.Foto: NFP/ Hagen Keller

„Selbst wenn du alles vergisst, deinen Namen und vielleicht sogar Mutter und mich: Du darfst nie im Leben vergessen, dass du ein Jude bist“, schärft der Vater seinem Sohn zum Abschied ein. Mit knapp neun Jahren gelingt Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) 1942 die Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Er schlägt sich in unwegsame Wälder durch, in denen auch andere jüdische Kinder Schutz vor den deutschen Besatzern suchen.

Die polnische Bäuerin Magda (Elisabeth Duda) nimmt den Flüchtling auf. Sie zeigt Srulik, wie er seine jüdische Identität verleugnet, weist ihn in die Grundregeln des katholischen Glaubens ein und erfindet eine fiktive Lebensgeschichte für den Jungen. Schon bald sagt Jurek, wie er sich nun nennt, „Gelobt sei Jesus Christus“, wenn er bei den Bauern der Umgebung anklopft. Viele schlagen ihm die Tür vor der Nase zu, andere helfen ihm und einige versuchen, ihn gegen ein Kopfgeld an die Nazis auszuliefern.

Es gibt viele Filme, die sich dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg aus der Kinderperspektive nähern, aber nur wenige tun dies so konsequent wie dieser. Basierend auf dem gleichnamigen Jugendbuchbestseller von Uri Orlev, der die Überlebensgeschichte von Yoram Fridman aufgeschrieben hat, gelingt Pepe Danquart ein dichtes Zeitporträt.

Eindringlich und in großen Kinobildern zeigt der Film, wie die harten Erfahrungen die Weltsicht des Kindes verändern, dem nichts übrig bleibt, als mit seinen Ängsten über sich hinauszuwachsen. Gleichzeitig führt er die Bandbreite menschlichen Verhaltens in einem repressiven Regime vor Augen – von Opposition über Anstand und Kalkül bis zum Verrat. Dabei vermeidet Danquart geschickt die genrespezifischen Fallen des allzu Pädagogischen und allzu Sentimentalen. Stets geht es um die Perspektive des Kindes, um seinen Versuch, Vertraute zu finden mitten in den durch Krieg und Totalitarismus vergifteten menschlichen Beziehungen.

Blauer Stern Pankow, Cinemaxx, FaF, Kant, Kulturbrauerei, Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben