Zeitreise mit Luis Buñuel : Zuckende Geister

Fünf Videokünstler interpretieren den berühmten Surrealistenfilm „L’âge d’Or“ neu. Eine grandiose Ausstellung in der Münchner Villa Stuck.

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Sandkastenspiele. Die Berliner Künstlergruppe Chicks on Speed fand für Luis Buñuels „Räuberszene“ ganz eigene Bilder.
Sandkastenspiele. Die Berliner Künstlergruppe Chicks on Speed fand für Luis Buñuels „Räuberszene“ ganz eigene Bilder.Foto: © Chicks on Speed

Die Idee klingt verwegen: einen Film von Luis Buñuel zerpflücken und ihn aus heutiger Perspektive neu zusammensetzen. Mitgewirkt haben sechs Künstler beziehungsweise Kollektive wie Chicks on Speed oder das Münchner Duo M + M (Marc Weis und Martin De Mattia), die auch das Konzept der Ausstellung „Der Stachel des Skorpions“ entwickelten: Für jeden Künstler gab es eine Episode, die er nacherzählt und dabei den eigenen ästhetischen Gesetzen unterwirft.

Ausgerechnet „L’âge d’Or“ – das ohnehin chaotische Meisterwerk des Surrealisten. Ein giftiges Plädoyer von 1930 für die Liebe, gegen katholische Bigotterie und braves Bürgertum, das ein halbes Jahrhundert lang offiziell nicht gezeigt werden durfte. Ein echter Aufreger, in dem Jesus an einer Orgie teilnimmt, alle erzählerischen Regeln außer Kraft gesetzt werden und man die Handlungsstränge nur assoziativ erfassen kann.

Gerade das erweist sich in der Münchner Villa Stuck als Glück. Weil die Fäden schon gekappt sind, suchen die beteiligten Künstler erst gar nicht nach Sinnzusammenhängen. Stattdessen reihen sie ihre eigenwilligen, betörenden und manchmal abstoßenden Interpretationen in sechs kleinen Kinosälen locker aneinander. Ganz im Sinn der von den Surrealisten häufig verwendeten Methode des „Cadavre exquis“, bei dem jeder Teilnehmer ein Stück vom Gesamtbild zeichnet – ohne zu wissen, was der andere tut.

Den Anfang macht Tobias Zielony mit einer wenige Minuten langen Dokumentation aus Ramallah. Eine Gruppe junger Palästinenserinnen experimentiert mit Skorpionen und animiert sie in einem kleinen Stop-Motion-Film zu eckigen Bewegungen. Zielony war auf Einladung des Goethe-Instituts unterwegs, hat sich wie John Bock oder Keren Cytter zu Anfang des Projekts mit den übrigen Künstlern getroffen und anschließend autonom gedreht.

Entsprechend disparat wirkt der Übergang, wenn Chicks on Speed nach diesem eher leisen Prolog eine Szene wie vom Mars bieten: Ihr Pendant zur originalen Räuberpistole mit dem Künstler Max Ernst spielt in der Wüste, wo die Farben ein bisschen zu sehr leuchten und die Hitze bald die Regie übernimmt. Ein absurdes Stück spielt da im Sand, das anschließend noch von Julian Rosefeldts schwarz-weißer Groteske überboten wird. Der Berliner Künstler drehte in den Kulissen von Babelsberg, sein Protagonist stürzt sich liebeskrank aus einem Fenster, steht dann aber wieder auf und durchwandert eine apokalyptische Stadt, die verdächtig an den Mythos Berlin in den späten zwanziger Jahren erinnert.

Dazwischen trennen M+M die Liebenden aus Buñuels Film auf einem nächtlichen Spaziergang und verlegt die Künstlerin Keren Cytter das Fest aus „L’âge d’Or“ in eine texanische Kneipe, in der reichlich Blei fliegt und einige sterben; darunter ein Kind, das en passant erschossen wird. Wie schon bei Zielony oder Rosefeldt wird hier plakativ sichtbar, dass sich die zeitgenössischen Künstler zwar von der Filmvorlage inspirieren lassen.

Ihre Filme verweben die Erzählung allerdings immer wieder mit der Gegenwart und belegen so, was Antrieb für die aufwendige Arbeit war: dass die Zeit reif ist für eine erneute Beschäftigung mit dem „Goldenen Zeitalter“ der jüngeren Vergangenheit – und dass die von Buñuel erprobten filmischen Strategien auch heute wirken.

Tatsächlich können sich beide Werke miteinander messen. Auch wenn John Bock den Schluss mit Absicht überspannt und aus den Imaginationen eines Marquis de Sade, die Buñuel sehr wohl auch hat einfließen lassen, ein 40-Minuten-Spektakel macht. Der Adelige mit der großzügigen Fantasie liegt in Bocks Szene auf dem Sterbebett. Und man kann sich denken, welche Heidenlust der Künstler daran hat, die Eingebungen dieses zuckenden Geistes in rasende Bilder umzusetzen.

Villa Stuck, München, bis 9. 6.. Vom 22. 6. bis 5. 10. ist die Ausstellung in der Mathildenhöhe Darmstadt zu sehen.

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