Zeitschrift : "Horch und Guck" in Not

Die seit 15 Jahren erscheinende historisch-literarische Zeitschrift "Horch und Guck" ist gefährdet. Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat dem Blatt den Geldhahn abgedreht.

Berlin - Der Name der Publikation lehnt sich an eine Bezeichnung für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit an, das bis zur Wende im Volksmund auch "VEB Horch und Guck" genannt wurde. Das Blatt wird viermal jährlich vom Verein Bürgerkomitee "15. Januar" herausgegeben.

"Die für 2007 beantragten Zuwendungen von 58.700 Euro wurden von der Stiftung nicht bewilligt", sagt der Vereinsvorsitzende Stefan Wolle. Die Mittel dienten vorrangig zur Finanzierung der einzigen hauptamtlichen Personalstelle der Zeitschrift, deren Redaktion ihr Quartier im früheren Dienstsitz von Ex-Stasi-Chef Erich Mielke im Stadtteil Lichtenberg hat.

Stiftung kritisiert Qualitätsverlust

Die Stiftung hatte dem Träger in einem Bescheid mitgeteilt, dass dem Förderantrag nicht entsprochen werden könne. Die Zeitschrift sei in den 90er Jahren eine "wichtige Plattform für kontroverse Beiträge und Diskussionen im Bereich der gesellschaftlichen Aufarbeitung der SED-Diktatur" gewesen und deshalb unterstützt worden, heißt es in dem Schreiben. Die Stiftung habe dies allerdings in den vergangenen Jahren "mit wachsender Skepsis" getan, weil das Heft "zunehmend an Qualität, Themenvielfalt, Pluralität, Relevanz und Verbreitung" verloren habe.

Wolle, der als Historiker selbst zu den Autoren von "Horch und Guck" gehört, kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Die Qualität der Beiträge habe nicht gelitten. Auch das Themenspektrum sei weiter breit gefächert: Neben DDR-Geschichte in all ihren Facetten werde unter anderem über die Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit in osteuropäischen Ländern berichtet. Auch Alltagsgeschichten, Kultur, Humor und Satire hätten in der Publikation ihren Platz, die in einer Auflage von 1000 bis 1500 Exemplaren erscheint.

Trägerverein vermutet politische Gründe

Wolle hält die Begründung der Stiftung für vorgeschoben. "Stein des Anstoßes" sei möglicherweise die politische Ausrichtung des Blattes, vermutet er. Seit längerem habe es kritische Stimmen bei der Stiftung gegeben, die den Machern "Linkslastigkeit" und "fehlenden Pluralismus" vorgeworfen hätten. Auch die teils pazifistische Grundhaltung, die unter anderem in der Kritik an der Irak-Politik der USA ihren Ausdruck gefunden habe, oder die generelle Auseinandersetzung mit der Rolle von Geheimdiensten schmecke offenbar einigen nicht. "Wir lassen uns in keine politische Schublade stecken", ergänzt Redakteur Erhard Weinholz. Vielmehr fühlten sich die Macher dem Prinzip der Selbstbestimmung der Bürgerbewegung vom Herbst 1989 verbunden.

Die Stiftung habe nie versucht, in die Autonomie der Redaktion einzugreifen, widerspricht der stellvertretende Geschäftsführer, Robert Grünbaum. Dieser Vorwurf sei "völlig abwegig". Allerdings sei die Stiftung verpflichtet, angesichts der Vielzahl von Anträgen verantwortungsbewusst mit den "begrenzten Steuergeldern" umzugehen. Leider seien alle Versuche gescheitert, "Horch und Guck" zukunftsfähig zu machen. So sei die Zahl der Autoren zurückgegangen, die Verbreitung sehr gering, und es gebe inhaltliche Defizite. Mit dem mehrheitlichen Rücktritt eines vom Bürgerkomitee berufenen Redaktionsbeirats Ende 2006 wegen "fehlender Veränderungsbereitschaft" der Redaktion sei eine weitere Voraussetzung für die Förderung entfallen.

Verein macht vorerst weiter

Trotz der Absage von Seiten der Stiftung will der Verein nicht aufgeben. "Wir machen vorerst auf jeden Fall weiter", betont Wolle. Allerdings sei es nicht möglich, ein solches Heft auf Dauer ausschließlich ehrenamtlich herauszubringen. Auch nach Darstellung von Weinholz bringt das Förder-Aus "Horch und Guck" in "ernsthafte Schwierigkeiten", weil die Einnahmen die Kosten nicht deckten. Ob die Stiftung in dieser Frage das letzte Wort gesprochen hat, ließ Grünbaum offen. Notwendig wäre "Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten". Bei der Stiftung habe sie immer bestanden. (Von Christina Schultze, ddp)

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