Zeitschriften : Freibeuter unter Haien

Einen Verlag zu gründen, gehört für den französischen Soziologen Léo Scheer zu den letzten souveränen Akten. Das Netz ist für ihn dabei unentbehrlich. André Schiffrin, der große alte Mann des unabhängigen Verlegers, hält es lieber mit den klassischen Strukturen.

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Wären die beiden schlichte Wahrsager, die tief in ihre Kristallkugeln geblickt hätten, um die Zukunft des gedruckten Buches vorherzusehen, würde man angesichts ihrer widersprüchlichen Prophezeiungen nur fragen: Wer ist hier der Scharlatan? Nachdem aber beide einen Namen als unabhängige, intellektuell anspruchsvolle und politisch wache Verleger haben, fragt man sich eher: Wie kommen sie mit ihren Erfahrungen zu so unterschiedlichen Ergebnissen? Irrt André Schiffrin, der inzwischen 75-jährige Wortführer eines konzernkritischen Verlegertums, der ungeachtet seines eigenen Triumphs mit der New Yorker „New Press“ (www.newpress.com) nicht müde wird, vor der Verarmung unseres literarischen Lebens unter dem Druck falscher Renditeerwartungen zu warnen? Oder macht sich der 63-jährige Soziologe, langjährige Medienmanager und Schriftsteller Léo Scheer nicht nur für sein 2000 in Paris unter eigenem Namen (www.leoscheer.com) gegründetes Haus falsche Hoffnungen, wenn er mit dem Internet endlich eine neue Freiheit anbrechen sieht?

Niemand weiß, ob sie einander im direkten Gespräch verstehen würden. Dazu ist Schiffrin, Sohn russischer Juden, der seine Lebensgeschichte gerade in dem schönen Erinnerungsband „Paris, New York und zurück“ (Matthes & Seitz) auf Deutsch veröffentlicht hat, viel zu sehr der Idee einer starken Verlegerpersönlichkeit verhaftet – und vertraut den Filtern erfahrener Lektoren. Scheer wiederum, der als Sohn polnischer Juden in einem Flüchtlingslager am Starnberger See zur Welt kam, lässt sich von der wilden Blüte ungedruckter und noch von keinem Betrieb zurechtgestutzter Autoren faszinieren. Um der Gefahr programmatischer Beliebigkeit zu entgehen, setzt er – neben seinem eigenen Faible für flamboyante Theorieentwürfe – auf eine sich selbst regulierende Netzöffentlichkeit.

Ein Teil seiner Bücher entsteht aus einem Blog, dessen bestkommentierte Manuskripte in einen Topf mit Betaversionen gelangen, dort von Usern wiederum kommentiert werden – und von dort aus die Chance haben, als gedrucktes Buch aufzuerstehen. „Einen Verlag zu gründen“, erklärt er in einem medientheoretisch durchdrungenen Gespräch auf www.t-pas-net.com/libr-critique, „ist ein souveräner Akt, vielleicht einer der letztmöglichen.“ Dem Bedeutungsverlust des Fernsehens setzt er sein Netz-TV entgegen: „Es sind oft die Mittelmäßigen, die sich hinter der Ausrede (der kapitalistischen Machtkonzentration, d. Red.) verschanzen, und versuchen, sich und anderen einzureden, dass der Markt sie am Denken und Kreativsein hindert.“

Vielleicht markieren Schiffrin und Scheer aber weniger Widersprüche als gegenläufige Bewegungen – und einen kulturellen Bruch entlang des digital divide. Denn Schiffrin, gewiss kein Apokalyptiker, sucht nicht nur in seinem jüngsten Buch „L’Argent et les Mots“ (La Fabrique, Paris 2010) wie Scheer nach Auswegen aus der Misere. Er rechnet vor, dass Debüts in angesehenen Verlagen wie Seuil und Gallimard, die einst mit ein bis zwei Prozent Gewinn kalkuliert wurden, mit dem Anspruch auf zehn oder gar zwanzig Prozent einfach nicht mehr erscheinen. Die Lösungen, die Schiffrin unlängst in einem Gespräch mit der „Quinzaine Littéraire“ skizzierte (Nr. 1015, als Video unter http://laquinzaine.wordpress.com), sind klassisch – Rückkehr zu unternehmerischer Bescheidenheit und staatliche Hilfestellung. In Schiffrins Demokratieverständnis sind das legitime Forderungen.

Der Basler Verleger Urs Engeler, der unter seinem Namen rund 15 Jahre lang ein so verdienstvolles wie hermetisches poetisches Programm konzipierte und darüber nicht nur Geld, sondern schließlich auch die Lust am Weitermachen verlor, dürfte einen Sinn für beide Positionen haben. Was er jetzt unter www.roughradio.com als Blog, Backlistverwaltung und Roughbooks-Verlag mit Digitaldrucken im Direktvertrieb fortführt, fühlt sich indes ausdrücklich vom Vorbild Léo Scheers ermuntert – auch wenn das Webdesign für einen, der sonst immer für das schöne Buch wirbt, einigermaßen liederlich wirkt. Solange man dort etwa Werner Hamachers 95 Thesen „Für ,Die Philologie’“ portionsweise lesen kann, lohnt sich ein Besuch jederzeit.

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