Zeitschriften : Jede Baustelle ist ein Schlachtfeld

Vierzig Jahre lang, bis zum Juni 1999, wollte das offizielle Frankreich von einem wirklichen Krieg in Algerien nichts wissen.

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Die 300 000 Toten, die der militärische Konflikt zwischen der Kolonialmacht und der um Unabhängigkeit kämpfenden nationalen Befreiungsfront FLN zwischen 1954 und 1962 kostete, wurden nach Kräften übergangen und die Einsätze zu évenements heruntergespielt, zu „Befriedungsoperationen“ und „Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung“. Erst ein Gesetz der Nationalversammlung machte Schluss mit dieser Sprachregelung, ohne dass damit ein aufklärerisches Gesamtprogramm verbunden war. Noch im Februar 2005 wurde ein weiteres Gesetz verabschiedet, das die positive Bewertung des Algerienkriegs in den Schulbüchern forderte.

Verglichen mit diesem Eiertanz, der auch mit einem Schuldbewusstsein zu tun hat, die Folter in Algerien systematisch eingeführt und die Hälfte der Landbevölkerung, rund drei Millionen Menschen, zwangsumgesiedelt zu haben, hat die westliche Welt schnell gelernt, die heutige Friedensmission der ISAF-Truppen in Afghanistan als unmittelbare Fortsetzung des Kriegs zu betrachten, der mit der amerikanisch-englischen „Operation Enduring Freedom“ im Oktober 2001 begann. Selbst wenn jeder Vergleich zwischen Algerien und Afghanistan hinkt, lohnt es sich, das Augenmerk auf die bewaffnete Entwicklungshilfe zu richten, die in beiden Fällen einem islamischen Land zuteil wurde – und sei es nur, um im Fall Afghanistans ein schmerzliches Ungleichgewicht zwischen militärischem und zivilem Engagement zu entdecken.

Unter dem Titel „Modernizing Missions: Approaches to ,Developing’ the Non-Western World after 1945“ untersucht das „Journal of Modern European History“ (Vol.8, 2010/1, Verlag C.H. Beck, Einzelheft 34 €) nun fünf Modernisierungsprojekte: die Landwirtschaftsprogramme der Briten in Kenia und Malawi, die Zerrissenheit der frühen bundesdeutschen Entwicklungspolitik zwischen Agrarreform und Industrialisierung in Indien, das Koussou-Staudammexperiment der Franzosen und Amerikaner in der zentralen Elfenbeinküste und die hochschulpolitischen Bemühungen der Sowjets in der arabischen Welt nach Chruschtschows antistalinistischer Wende 1956.

Herausragend indes Moritz Feichtingers und Stephan Malinowskis nüchterner, nicht auf moralische Verurteilung der Franzosen sinnender Aufsatz über die vielfältigen „Hybride einer Gewalt- und Modernisierungsmaschinerie“ im Algerienkrieg, die ihren unauflöslichsten Ausdruck in den stacheldrahtbewehrten Centres de Regroupement fand. Von den britischen new villages in Malaysia oder den fortified hamlets der USA im Vietnamkrieg unterschieden sie sich dadurch, dass sie weniger der militärischen Abschottung vor Rebellen als der Umerziehung der Einheimischen dienten. Ihr erklärtes Ziel war es, die Bevölkerung vor dem Einfluss der FLN zu schützen und die Lager zu Orten der Hoffnung (Regroupements de l’espérance), ja zu Horten der Glückseligkeit (Cités Heureuses) auszubauen.

Diesem Zweck dienten auch die nach dem Motto „Jede Baustelle ist ein Schlachtfeld“ errichteten Wohnblocks der nouveaux villages. Sie setzten eine Doktrin um, die Mao abwandelnd lautete, man müsse dem Fisch, der sich nicht fangen lasse, wenigstens das Wasser abgraben. „Die islamischen Regeln der Solidarität führen zu einer maßlosen Ausweitung der Familienbande“, hieß es in einem Regierungspapier von 1959. „Warum müssen die neuen Wohnungen so oft durch eine Unzahl von entfernten Verwandten bevölkert werden, die den Gastgeber zu erzwungener Gastfreundschaft nötigen? Diese Vorstellung von Gemeinschaft ist ein ernstes Hindernis für die Erweckung und Entwicklung der Kernfamilie. Die neuen Wohnungen sind allein gebaut für einen Familienchef, der, frei von extrafamiliären Bindungen, allein für seine Partnerin und seine Kinder, eventuell auch für seine Eltern arbeitet.“

Der Plan blieb anmaßend. „Die erwünschte Zerstörung präkapitalistischer Wirtschaftsweisen gelang ungleich einfacher als die Hinführung zur Lohnarbeit. In den Lagern wurden eher Almosenempfänger als Lohnarbeiter gezüchtet.“ Die Moderne hatte Einzug gehalten – nur mit lauter unliebsamen Konsequenzen.

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