Zeitschriften : Online-Prinz rettet Print-Aschenputtel

Der Facebook-Mitgründer Chris Hughes hat das darbende US-Magazin "The New Republic" gekauft. Jetzt ist die erste Nummer nach dem Relaunch erschienen

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Das Cover der ersten Ausgabe nach dem Relaunch.
Das Cover der ersten Ausgabe nach dem Relaunch.Foto: promo

Auf Deutschland bezogen wäre es so, als hätte Kim „Dotcom“ Schmitz „Cicero“ übernommen, um es zum neuen „Spiegel“ auszubauen. Doch alle Vergleiche hinken, weil der Vorgang sogar für die USA einzigartig ist. Mit dem heute 29-jährigen Facebook-Mitbegründer Chris Hughes, einer unendlich seriöseren Figur, hat im März 2012 ein millionenschwerer Online-Prinz ein aschfahles Print-Dornröschen namens „The New Republic“ (www.newrepublic.com) gekauft, um es noch einmal wachzuküssen.

Die Wetten, dass das politisch-kulturelle Zweiwochenblatt aus Washington, D.C., seinen 100. Geburtstag im Jahr 2014 nicht mehr erleben würde, standen zuvor hoch. Nachdem in New York, wo die Redaktion nun überwiegend sitzt, das erste Heft nach dem Relaunch vorgestellt wurde, ist zwar das Jubiläum greifbar. Was es dann allerdings zu feiern gibt, steht in den Sternen. Denn als mäzenatische Aktion dankt Hughes die Rettung kaum jemand. In Gestalt des 1925 gegründeten „New Yorker“, vom Typus her die nächste Konkurrenz, befriedigt schon ein weltbekanntes Magazin die Bedürfnisse nach langen literarischen Reportagen und pointiertem, tiefgründigem Journalismus. Und als Investitionsmodell ist das Ganze bei allem symbolischen Kapital, das er gewinnt, riskant. Nicht ohne Grund war die „New Republic“ für ihn nur zweite Wahl. Eigentlich war Hughes an der ebenso profitablen wie intellektuell unverzichtbaren „New York Review of Books“ interessiert.

Die „New Republic“ eignet sich immerhin als erstklassiges Experiment. Und die Herausforderung ist mindestens doppelter Art: Wie macht man ein Magazin, das mit einer Auflage von 39 000 Exemplaren zuletzt an der unteren nationalen Bedeutungsgrenze operierte, wieder zur Pflichtlektüre? Und welche Rolle nimmt dabei das Internet ein, das dem Magazin mehr und mehr die Aufgabe abgenommen hatte, einzelkämpferisch gegen alles zu sein, was in der Politik und den Mainstreammedien communis opinio war?

Hughes, der als Verleger und Chefredakteur firmiert und Franklin Foer, den 38-jährigen Bruder des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, als Redaktionsleiter zurückgeholt hat, kommt neuen Lesegewohnheiten entgegen, indem das gedruckte Heft für Abonnenten nur noch eine Säule neben dem Netzzugang, einer iPad-App und Podcasts ist. Die Lesezeichen beim cross-device syncing gestatten es, auf anderen Geräten da weiterzulesen, wo man zuvor aufgehört hat. Und nicht nur das. „Die meisten von uns“, schreibt Hughes in einer Mail, „werden darin übereinstimmen, dass das Netz nicht der leichteste Ort ist, um lange, substanzielle Stücke zu lesen. Auf den meisten Websites gibt es überall blinkende Anzeigen, bewusst auseinandergerissene Seiten, die Klick um Klick erzwingen, und lange Ladezeiten. Beim Design der neuen digitalen Produkte hatten wir uns deshalb ein Ziel gesetzt: es einfach zu machen, großen Journalismus zu lesen.“

Die Onlineseiten sind tatsächlich von seltener lesefreundlicher Schlichtheit, an der auch Gelegenheitsgäste teilhaben können: Die Paywall liegt bei acht Artikeln pro Monat und Gerät, und von der aktuellen Ausgabe sind sowohl das Interview mit Barack Obama wie Walter Kirns Waffenreportage „A tour of the gun owner’s mind“ frei zugänglich. Kirn, hierzulande als Autor des mit George Clooney verfilmten Romans „Up in the Air“ bekannt, ist der bekannteste Neuzugang eines Blatts, das mit Leon Wieseltier als Literaturverantwortlichem und Jed Perl als Kunstkritiker zwei eigensinnige household names behalten hat.

Wer war bei der zwischen linksliberal und rechtskonservativ schlingernden „New Republic“ nicht alles dabei: der wunderbare Literaturkritiker James Wood oder der bissige, als schwuler Katholik bis ins Reaktionäre provokante Andrew Sullivan, der sich nach Jahren in den Diensten des „Newsweek“-Blogs „The Daily Beast“ nun per Crowdfunding selbstständig macht. Womit Hughes, der 2008 Obamas Social-Media-Kampagne organisierte, die „New Republic“ prägen will, untersucht Carl Swansons informatives Porträt im „New York Magazine“ (nymag.com/news/features/chris-hughes-2012-12). Charisma, erfährt man da, ist vielleicht nicht die größte Stärke dieses wohlerzogenen Jungen. Zupackende Intelligenz aber besitzt er. Für den Anfang muss das reichen.

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