Zeitschriftenschau : Komm auf meine Dschunke

"Die Horen", einst von Friedrich Schiller begründet und nach dem Zweiten Weltkrieg von Kurt Morawietz wiederbelebt, feiern ihre 250. Nummer - mit einer Prachtausgabe zur Situation von Literaturzeitschriften.

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Das publizistische Zukunftsweh kommt ohne Vergangenheitsach nur selten aus. Besonders das wetterwendische Zeitschriftengewerbe jammert gerne in Erinnerung an größere Zeiten. Kleinlaut starrt es auf verdunstende Leser, vertrocknende Tinte, verwehendes Papier und vergehenden Einfluss. Mit Neid werden Institutionen wie „Die Fackel“ von Karl Kraus beschworen, die quasi schon zu Lebzeiten einen Teil ihres Nachruhms aufzehren durften – ganz im Bewusstsein, dass auch die Hoffnung auf künftige Kanonisierung verwegen ist.

Noch vor zwanzig Jahren hätte man Zweitausendeins vielleicht zu einem Reprint der „Horen“ überreden können, Seite an Seite mit den „Akzenten“ und dem „Kursbuch“. Heute, zur 250. Nummer, würde wohl selbst ein Auswahlband untergehen. Oder müsste man das gesammelte Treiben als Faksimile ins Netz stellen, wie es Friedrich Schillers von 1795 an für drei Jahre erschienenem Original längst geschehen ist? Es ist nicht leicht, eine „Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ zu feiern, die gemessen an vergleichbaren Zitterpartien einerseits unverwüstlich erscheint, andererseits trotz mehrfacher Auszeichnungen sehr im Verborgenen blüht.

„Die Horen“, 1955 von Kurt Morawietz in Hannover neu begründet und seit einem guten Jahr unter der belebenden Ägide des Germanisten Jürgen Krätzer, tun es nun mit einer über 300-seitigen Prachtausgabe mit dem Titel „,Pressköter und Tintenstrolche!’ LiteraturZeitSchriften“ (Wallstein, Göttingen, 16,50 €).

Nicht nur das Karl-Kraus-Motto lässt einiges fürchten. Denn selbstbezüglicher geht es kaum: Reden wir mal darüber, wie’s den anderen geht, bei dieser Gelegenheit werden wir schon erfahren, wie es um uns selber steht. Das Erfreuliche ist, dass unter den über 50, milde gesagt: heterogenen Beiträgen in acht Abteilungen nur einige das Lied vom Verfall singen – wobei zumindest die Klage über die Marginalisierung der Zeitschriftenschauen berechtigt ist. Vielmehr geht es um die ebenso alten wie neuen Tugenden des Redigierens und Verlegens: um Lust, Mut, Trotz und persönlichen Wahnsinn.

Bei dieser Gelegenheit gedenkt Rolf Schneider eben nicht nur der „Fackel“. Mitherausgeber Sascha Feuchert weist hin auf die im Pekinger Weltkriegsexil erschienene „Dschunke“, und Wolfgang Braunhart porträtiert die Kasseler Trümmerzeitschrift „Karussell“. Und aus der gegenwärtigen Produktion kommen neben „Edit“ und „Bella Triste“ auch die „Kritische Ausgabe“, „Sprachgebunden“ und „Idiome“ zu Wort.

Als Bestandsaufnahme dessen, was es in Deutschland und Österreich gibt und gegeben hat (auch was uns in den Nachbarländern umgibt), ist das Unternehmen konkurrenzlos. Als Versuch, ein zeitgemäßes Selbstverständnis zu entwickeln, bleibt es bei einzelnen Stichworten – auch weil kein Essay versucht, die zersplitterte Zeitschriftenwelt, die nicht nur Michael Braun „Bildungsroman und Denkschule“ war, als einen gemeinsamen intellektuellen Lebensraum zu beschreiben. Vielleicht ist genau das aber auch etwas Unmögliches, wo jeder sein eigenes Missiönchen verfolgt.

Mit dem Begriff der reinen Literaturzeitschrift nehmen es die Herausgeber übrigens Gott sei Dank nicht so genau. Deshalb sind auch Klaus Wagenbachs neulinker „Freibeuter“ aus dem Hause Wagenbach oder die französisch-maghrebinischen „Intersignes“ mit dabei: Ihnen widmet Hans Thill, der durch Abdelwahab Meddeb darauf aufmerksam wurde, eine instruktive Hommage.

Ob wir in fruchtbaren oder frugalen Zeiten leben, lässt sich am Ende wohl nur mit dem angenehm relativierenden Blick auf die jüngste Vergangenheit klären. In einem herzerwärmenden Beitrag erinnert sich Johano Strasser, wie er Anfang der achtziger Jahre gegen 1000 Mark im Monat und freies Logis in Günter Grass’ Haus in der Friedenauer Niedstraße „L’80“ redigierte, das Blatt der Ostblock-Dissidenten. Die Herausgebertreffen begannen regelmäßig mit ellenlangen Klagen über den Niedergang des Zeitschriftenwesens, bis sich Heinrich Böll nach Vernichtung einer ganzen Schachtel Zigaretten dezent erkundigte: „Was machen wir denn nun im nächsten Heft?“

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