Kultur : Zelt aus Zellen

Michael Beutler wuchert die Galerie Nagel ein

Daniel Völzke

Wer Michael Beutlers Arbeiten ausstellen will, muss ihm Platz einräumen. Viel Platz. Denn wenn der Berliner Künstler erst einmal fertig ist mit seinem Werk, dann ist überall Kunst und kaum noch Umgebung. Die Galerie Christian Nagel jedenfalls wirkt schon von außen verändert: Hinter den Schaufenstern türmen sich Papierröhren zu einer bunten Wand auf, die bis zur Decke reicht. Eingeschnittene Luken machen sogleich neugierig, was wohl dahinter ist.

Mit seinen Skulpturen, Installationen und architektonischen Interventionen im öffentlichen Raum hat der Städel-Absolvent stets aufs Neue Bastelfreude und Erfindergeist an den Tag gelegt. Aus einfachen Baumarktmaterialien und mit wenigen Arbeitsschritten hergestellt, beziehen sich Beutlers Szenarien auf den Ausstellungskontext und dominieren ihn zugleich. In Erinnerung blieb etwa die gelb leuchtende Treppe des 30-Jährigen, mit der er bei der Berlin-Biennale einen alten Pferdestall füllte: ein Konstrukt aus dem Baustoff Pecafil, das zum Besteigen einlud. Doch die Treppe führte ins Nichts. Sie war nur Geste.

Betritt der Besucher nun die Galerie Christian Nagel, macht er auch hier unerwartete Raumerfahrungen. Er steht mittendrin in der Installation „A-Frame“, in einem Zelt aus länglichen Papierwaben. Die Geste diesmal: Umarmung, Schutz. Sofort kommen Erinnerungen auf – an Campingabenteuer oder Jugendzimmer mit Dachschrägen. Doch der Inhalt dieses Zeltes ist zunächst ernüchternd: Zwei umgebaute Tapeziertische stehen im Halbdunkel. Erst langsam begreift man ihre Funktion. Mithilfe aufgezeichneter Linien, Schablonen und Lineale haben Beutler und die Galeriemitarbeiter hier die farbigen Papierbögen zugeschnitten und zu identischen Waben gefaltet. Diese wurden dann an ein A-förmiges Gestell angebracht, so dass nach einer Woche Arbeit über den Köpfen der Erbauer ein Zelt heranwuchs und sie verschluckte. Wie Zellkerne enthalten die Tische bereits alle Informationen über ihre Umgebung – bevor diese überhaupt existiert. Mit den Arbeitsmitteln, die zugleich Baupläne sind, kann der Käufer sein Zelt überall neu installieren (auch der Prototyp ist käuflich: 38 000 Euro).

Beutler gelingt es hier, unangestrengt und radikal die Entstehungsbedingungen seiner Arbeit zu thematisieren. Der Künstler ist im besten Sinne modern: nicht Zauberer, sondern Ingenieur, dem es zudem auf serielle Fertigung ankommt. Das Ergebnis dieser Erfindungsleistung verzaubert dennoch. Beutlers Implantat arbeitet gegen einen „white cube“ an. Trotz seiner Sterilität war dieser nie so neutral, wie ihn sich die Moderne wünschte.

Galerie Christian Nagel, Weydinger Straße 2/4, bis 25. Februar; Montag bis Freitag 11–19 Uhr, Sonnabend 11–18 Uhr

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