Kultur : Zensur und Zensuren

Frank Noack

In den letzten Wochen haben sich Schulsenatoren und Lehrer verstärkt fürs Kino interessiert. Sie haben sich „Knallhart“ angesehen, Detlev Bucks unvermutet aktuellen Beitrag zur Gewalt-an-den-Schulen-Debatte, und „Das Leben der Anderen“ – als filmischen Nachhilfeunterricht in jüngerer deutscher Geschichte. Wie es an einer ganz normalen Schule in der DDR zuging, weiß außer den Beteiligten heute niemand mehr; wer mehr darüber wissen will, sollte Berlin Auguststraße (1979) auf keinen Fall versäumen. Der Defa-Dokumentarfilm läuft im Blow Up anlässlich der 4. Berlin-Biennale: Besucher des „Berliner Galerienwunders“ an der Auguststraße sehen hier, wie der Kiez vor einem Vierteljahrhundert ausgesehen hat; dazu gibt es Aufnahmen vom Hackeschen Markt und der Oranienburger Straße. Der Hauptreiz des Films aber ist pädagogischer Natur. Regisseur Günter Jordan, ursprünglich selbst Lehrer, begleitete über vier Monate hinweg Arbeiterkinder, die die Schule in der Auguststraße 22 besuchten. Seine Aufmerksamkeit galt besonders dem engagierten Lehrer Bodo Jäger, der Disziplin nicht mit Duckmäusertum gleichsetzen, sondern seine Schüler zum Widerspruch herausfordern wollte. Daneben konzentrierte Jordan sich auf die Schülerin Petra, Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit elf Kindern; einer ihrer Brüder saß im Gefängnis. Dem Volksbildungsministerium missfiel der Film, weil er am Mythos der klassenlosen Gesellschaft kratzte. Er wurde totgeschwiegen, aber nicht förmlich verboten – schließlich bildete er eine Realität ab, die einem Großteil der DDR-Bürger vertraut war.

Keine Probleme mit der Zensur bekam Allein (1931): In diesem frühen sowjetischen Tonfilm (Dienstag im Arsenal) fliegt eine linientreue Moskauer Lehrerin nach Zentralasien und versucht, dort gegen den Widerstand der Großbauern Kinder zu unterrichten. Die Regisseure Grigorij Kosintzew und Leonid Trauberg wollten die idealistische Lehrerin scheitern und im Schnee erfrieren lassen, entschieden sich jedoch für ein Happy End. Die bekehrten Dorfbewohner singen zur Musik von Dimitri Schostakowitsch ein Hohelied auf den Sozialismus.

Der irische Dorfschullehrer in David Leans Epos Ryans Tochter (1970) hat keine Sorgen wegen seiner Schüler, sondern wegen seiner Ehefrau. Die ist viel zu jung für ihn, er kann sie körperlich nicht befriedigen. Also spaziert Rosy Ryan (Sarah Miles) durch die Gegend und läuft einem britischen Offizier über den Weg, der sie glücklich macht. Man braucht einige Zeit, um den notorischen Säufer und Hurenson Robert Mitchum als keuschen Dorfschullehrer zu akzeptieren, aber man hat über 200 Minuten Zeit, sich daran zu gewöhnen. Warum der Film, am Sonntag in der Urania zu sehen, so lange dauert? Zwischendurch gibt es eine Sturmkatastrophe und politische Konflikte (Irland 1916!) – und ein Quasimodo-ähnlicher Dorftrottel stellt Rosy nach, die am Ende als Vaterlandsverräterin kahl geschoren wird. Und noch etwas: Weil ihm die irische Küste nicht majestätisch genug erschien, schmuggelte David Lean ein paar Aufnahmen von afrikanischen Gestaden mit hinein. Das Resultat sieht auf der großen Leinwand prächtig aus – und erhielt damals prompt einen Oscar für die beste Kamera.

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