Zeppelinoper im Ballhaus Rixdorf : Abgehoben

Ein Zeppelin schwebt majestätisch in der Höhe, dann geht er in Flammen auf. Am Ballhaus Rixdorf in Neukölln hat das Künstlerkollektiv Planetenexport daraus eine Luftschiffoper gemacht.

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Die Explosion der "Hindenburg" am 6. Mai 1937. Foto: dpa
Die Explosion der "Hindenburg" am 6. Mai 1937.Foto: dpa

Das Flammeninferno, in dem 1937 im amerikanischen Lakehurst die „Hindenburg“ und mit ihr 35 Menschen verbrannten, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Jetzt ist im Ballhaus Rixdorf eine „Zeppelinoper“ angekündigt. Nicht unbedingt das, was man sehen möchte in diesen Tagen, da vermutlich prorussische Separatisten zivile Jets vom Himmel schießen und die Flugzeugabstürze sich häufen. Es kommt dann aber doch anders. Im Treppenhaus hämmert schwer zu ortendes Dröhnen ans Ohr, Schläge, Pochen, alles elektronisch unterfüttert. Im Saal selbst dann: absolute Stille. Weiß getünchte Wände. Das Gehör soll vorbereitet werden auf das, was kommt.

Der junge amerikanische Komponist Jeffrey Arlo Brown hat mit „Love & Hydrogen“ eine mikrotonale Textur geschafffen, interpretiert vom Ensemble Essenz (Leitung: Taepyeong Kwak). Töne hängen im Raum, sekundenlang. Ändern ihre Höhe nicht. Eine Flöte, ein Bass. Werden gedreht und gewendet, von allen Seiten betrachtet. Schwebend. Als würde sich auch das Luftschiff wieder erheben. Dann der infernalische Krach einer Pauke, die Schallwellen wölben sich noch lange im Raum. Der Hörer bekommt Gelegenheit, die Töne und ihre Produktion genau zu studieren, ihnen nachzuhorchen, in völliger Gelöstheit, Gelassenheit. Klangpendel, Ventilatoren, das Summen der Elektronik, die Schritte von Darstellern: alles Teil des Klangerlebnisses. „Es geht nicht um das Aussprechen der Geschichte. Es geht um das Herstellen der Ahnung der Möglichkeit“, sagt Brown.

Im Bauch des Luftschiffs

Wie visualisiert man das? Die Lösung, die Franziska Guggenbichler Beck, Regiestudentin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, und das Künstlerkollektiv Planetenexport finden, überzeugt weniger. Eine Gruppe Passagiere im Bauch des Luftschiffs, zwei Kontrahenten (Georg Bochow, Jeongwhan Sim), deren Kampf später in eine Liebesgeschichte übergeht. Eine eifersüchtige Frau, zwei Wächter. Die Szene, die Charaktere sollen sich wandeln, sollen übergehen in neue Aggregatzustände wie Browns Klänge. Und wirken doch, im direkten Kontrast zur lichten Musik, eher gewöhnlich. Eine Kamerafrau schiebt sich überall in den Vordergrund. Erst denkt man, sie gehört zur Inszenierung. Als klar wird, dass sie das nicht tut, stört sie erst recht.

Browns Komposition wird im Verlauf des einstündigen Abends komplexer, Töne überlagern sich, Gesang kommt hinzu. Die Ventilatoren kämpfen mit der schwülschweren Luft , in der der titelgebende Wasserstoff besonders reichlich vorhanden zu sein scheint. Mit ihm war die „Hindenburg“ gefüllt, was zur Katastrophe von Lakehurst geführt hat. Helium war ungefährlicher, aber im Nazi-Reich, das sich auf einen Krieg vorbereitete, nicht zu haben. Ansonsten ist von einem Luftschiff nicht viel zu sehen. Das ist auch ganz gut so.

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