Kultur : Zerbrochene Flügel

KUNST

Nikola Richter

Von leprösen Beulen übersäte Nackte frieren in einer öden Landschaft. Fettleibige Insekten, die Kafkas „Gregor Samsa“ Konkurrenz machen könnten, hängen träge mit Stummelschwingen in der Luft. Hier und da ein Baumstumpf oder ein abstürzender Vogel – Motive von Hilflosigkeit und Einsamkeit, die auf die Perspektivlosigkeit im Künstlerleben des Roger Loewig verweisen.

Wie Stanislaw Kubicki war auch Loewig dichtender Maler: der eine aus einer polnisch-, der andere aus einer deutschsprachigen Familie. Ihre erschütternden Lebensläufe umfassen exemplarisch die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts: Kubicki wurde 1942 in Warschau als Mitglied einer Widerstandsgruppe ermordet, Loewig erlitt die Repressalien des DDR-Regimes. 1964 wurde er von der Bundesregierung aus der Haft freigekauft, 1992 als erster deutscher Künstler in Auschwitz ausgestellt.

Beide Künstler hatten Großes im Sinn. Sie wollten vermitteln, vor allem zwischen den Menschen. Dass beide aus Schlesien stammen, ist ein wichtiges Detail. Denn im westlichen Teil Polens begann 1939 Hitlers Feldzug in den Osten. Viele tragische Schicksale nahmen dort ihren Anfang. Insofern trifft die Gemeinschaftsausstellung beider Künstler in der Nikolaikirche nicht nur das aktuelle Interesse für den EU-Beitrittskandidaten Polen, sondern passt auch zur aktuellen Debatte um Vertreibung.

Der reichlich pathetische Titel „Inseln der Menschlichkeit“ soll an das Bemühen beider Künstler erinnern, innerhalb unmenschlicher politischer Systeme wenigstens auf den Werteverlust hinzuweisen. Das wirkt heute eher schwer und düster. Einen Eindruck der damaligen Stoßrichtung geben Kubickis expressionistische Titelblätter für die Berliner Zeitschrift „Aktion“, ebenso seine Zeichnung „Wohin?“ von 1919. Aus zerklüfteten Gipfeln drängen sich Worte wie „Sonne“ und „Mensch“. Kubicki glaubte noch an die Kraft der Kunst.

Loewig hingegen verbannte nach der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs das letzte Quentchen Hoffnung aus seinen Lithographien und Zeichnungen. Der Schrei der Verzweiflung, der in Edvard Munchs Werken noch erklingt, wird bei Loewig zu bitterer Anklage. Seine surrealistischen, anthropomorphen Wesen schweigen. „1963 zerbrachen mir die Flügel. Zubringer des Ministeriums für Staatssicherheit holten mich in den Sommerferien an der Ostsee aus dem Bett und verhafteten mich wegen staatsgefährdender Hetze und Propaganda.“ Loewig wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, und fast sein gesamtes Werk, vor allem die Ölbilder, vernichtet. Einen Eindruck von der depressiven Wucht, mit der Loewig Farbe einsetzen konnte, geben seine Gouachen. In der „Pavillon-Serie“ von 1961 stehen schwarze Menschensilhouetten in einer bis auf Häuserskelette leeren Landschaft, der Himmel hat sich rot-braun verdunkelt – Weltuntergangsstimmung. Die Angst des DDR-Staates vor seinen Künstlern hat eine eigene Aufarbeitung verdient. Die Ausstellung, die zuvor schon in Kreisau und Breslau zu sehen war, ist ein Anfang. Außerdem erhält die „Stiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur“ 1600 Werke aus dem Loewig-Nachlass als Dauerleihgabe.

Bis zum 25.4. im Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz (Mitte). Dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Katalog 5 €.

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